Druckerzeugnisse mit Selbstklebefläche für Sammelalben erfreuen seit jeher Kinder. Besonders während internationaler Fußballmeisterschaften wird gesammelt, getauscht und geklebt. Seit der jüngsten Jahrhundertwende hat die Streetart das Medium Aufkleber für sich entdeckt und eine neue Verwendungsform gefunden. Seither kleben sie an Ampeln, Mülleimern, Stromkästen oder Telefonzellen und sind aus dem urbanen Bild nicht mehr wegzudenken. Unzählige Variationen und Motive lassen sich auf den Straßen finden, die politische Botschaften tragen oder schlicht der Ästhetik dienen. Angefangen hat alles mit zweckentfremdeten Postpaketscheinen. Anstatt die Felder „Absender“ und „Empfänger“ auszufüllen, wurden sie bemalt, bekritzelt, besprüht und in den öffentlichen Raum geklebt. Mittlerweile gibt es Aufkleber zu kaufen, die mit dem vorgefertigten Slogan „Hello my name is“ bedruckt sind.

In Göttingen finden sich noch beide Varianten. Zum Teil werden vier Paketscheine nebeneinander geklebt, worauf im Vorfeld ein „Stencil“ (Schablonengraffiti) platziert wurde. Die „Hello my name is“-Variante wird häufig lediglich mit einem „Tag“ (Signalkürzel) versehen. Die überwiegende Mehrheit an Stickern, die an Göttingens Gebäuden zu sichten sind, ist allerdings gedruckt. Verhältnismäßig günstig können große Mengen an Aufklebern bei Online-Shops in Auftrag gegeben werden. Die rasche Verbreitung von Abziehbildern im Stadtbild lässt sich durch den unkomplizierten Klebevorgang erklären. Der ältere Bruder Graffiti verlangt vom Sprayer mehr Aufwand. Jedoch ist hierbei nicht zu vergessen, dass das Besprühen von Objekten als Sachbeschädigung gilt und das Bekleben als Ordnungswidrigkeit. Kleben ist der Ausdruck einer Generation, die mit Grafikprogrammen aufgewachsen ist und diese kreativ und unkonventionell bedient. In einigen Straßen Göttingens werden hier verwitterte Sticker durch neue ersetzt. Zum Teil hängen Fetzen verwelkter Aufkleber von den Fachwerkbalken herunter und an einigen Stellen kleben die Bildchen über, unter und zwischen den Plakaten und Graffitis.

Ein häufig im Stadtbild auftauchender Sticker bezieht sich auf das selbstverwaltete Wohnheim. Er zeigt einen roten Stern und den Schriftzug „ROTE STRASSE BLEIBT.“ Dahinter verbirgt sich die Forderung nach der Erhaltung studentischen Wohnraums. Als Stickerballungszentren Göttingens lassen sich das Juzi, der Theaterkeller und die Kreuzung am Auditorium einstufen. Die dortigen Sticker lassen eine links ausgerichtete Tendenz erahnen. Aber auch generationsübergreifende Klassiker, wie die schon vor über dreißig Jahren an Zimmertüren von Studentenbuden pappende Atomkraftsonne, mit dem Slogan „Atomkraft? Nein Danke“, behaupten sich tapfer im Aufkleberpotpourri. Auch die Sticker der Göttingen-05-Fans fallen besonders ins Augenmerk. Sie gehören ebenfalls zu den häufig aufzufindenden Aufklebern, deren Fangruppe sich selber als „Rasensportguerilla“ bezeichnet. Der Zufall, dass die Vereinsfarben von Göttingen 05 den Farben der jamaikanischen Nationalflagge entsprechen, kommt dem Design dabei stets zugute. Im Papendiek klebt ein schwarzweißes Comic-Auge auf einer Laterne. Als Auge ist es aber nicht für jeden auf den ersten Blick erkennbar. Die einen halten den Aufkleber für einen türkischen Halbmond, die anderen für das Logo eines englischen Schuhherstellers. Der Erfinder namens „Arrrgh“, ein Hannoveraner, bietet das Auge auf seiner Homepage frei zum Download an und ermuntert zur Weiterverbreitung. Es klebt unter anderem in New York und Hong Kong.

Mit Hilfe der sozialen Netzwerke hat sich das Kleben bereits zur Subkultur entwickelt. In sogenannten Stickercommunities werden Aufkleber zwecks Weiterverbreitung untereinander ausgetauscht. Dies ermöglicht, dass Sticker aus Sao Paulo in Göttingen kleben. Mittlerweile gibt es sogar Stickerawards, in denen eine internationale Jury die am besten gestalteten Aufkleber kürt. Sie werden im Magazin „Klebstoff“ abgedruckt. Auch die Werbeindustrie hat das Phänomen der Aufkleber aufgegriffen und ihre Wirksamkeit erkannt. Der Turnschuhgigant Nike ließ ganz Berlin mit Aufklebern zupflastern. Anders als bei den anonymen Klebern, konnten die Ver- antwortlichen hier jedoch schnell ausfindig gemacht und zur Verantwortung gezogen werden. Das zu zahlende Strafgeld für diese Ordnungswidrigkeit hatte das Unternehmen bereits im Vorfeld einkalkuliert. An diesem Beispiel wird deutlich, dass bei dem sogenannten „Guerillamarketing“ der Werbeträger „Straße“ und das Werbemittel „Sticker“ bereits fest in der Werbewelt etabliert sind.

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