Wenn ich die waghalsigsten Unternehmungen meines Lebens zusammen zähle, komme ich vom Waterrafting und Klettern in den französischen Alpen bis hin zu einem Hildesheimer Vorort. Hier befindet sich ein kleiner Flugplatz mit Tower, einer Start- und Landebahn, mehreren Hangars und Flugzeugen.

Es ist ein sonniger Tag und fast keine Wolken sind am Himmel zu sehen. Beste Voraussetzungen für einen Tandemsprung. Aus dem Hangar kommt ein junger Mann, jemand ruft: „Das Lächeln wird er noch ein paar Tage tragen.“ Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatte er Spaß. Wie sich herausstellt, war das sein erster Sprung – ein Geburtstagsgeschenk seiner Freundin. Verantwortlich für dieses Lächeln sind Jens und sein Team. Seit der Unternehmensgründung 2006 ist Jens Chef der „Fallschirmspringer“. Er selbst hat bereits über 3300 Sprünge hinter sich gebracht und nimmt an verschiedenen Meisterschaften im Formationsspringen teil.

Als ich am Hangar ankomme werde ich von Jens empfangen. Meine Nervosität steigt und ich stelle viele Fragen. Um mich abzulenken schaue ich mir das rege Treiben im Hangar an und beobachte, wie die Fallschirme gefaltet werden. An jedem Sprungtag ist mindestens ein Teammitglied der Fallschirmspringer für das aufwändige Falten der Fallschirme verantwortlich. Der Reserveschirm wird von einem TÜV geprüften „Packer“ vorbereitet. Mein Tandemmaster weist mich ein. Er arbeitet bei der Bundeswehr, ist Fallschirmjäger und hat mehr als 1 800 Sprünge absolviert. Ich werde während des Sprungs mit mehreren Karabinerhaken und Gurten an seinem Anzug in der Bauchregion befestigt sein. Nach der Einweisung folgt die Trockenübung und langsam kommt mein Selbstvertrauen zurück. Vor dem Besteigen des Flugzeuges gehen wir alle Schritte noch einmal gemeinsam durch. Von Nervosität ist jetzt keine Spur mehr. Ich freue mich wie verrückt auf das Erlebnis.

Der 23-jährige Christian ist für heute unser Pilot. Er hat eine Pilotenausbildung absolviert und sammelt bei den „Fallschirmspringern“ Flugstunden. Er wird am Steuer der 300 PS starken Cesna sitzen und uns in einem gut 20-minütigen Flug zum Ort des Absprungs bringen. In umgekehrter Reihenfolge besteigen wir das Flugzeug. Erst ich,dann mein Tandemmaster Christian und zum Schluss Daniel. Daniel ist Doktor der Chemie, ebenfalls Tandemmaster und wird bei dem heutigen Sprung der Kameramann sein. Das Flugzeug fährt auf die Rollbahn und beschleunigt. Der Steigflug beginnt und der Hangar rückt immer weiter in die Ferne, bis dass er irgendwann nicht mehr zu erkennen ist. Der Flug erinnert an einen Rundflug und der Pilot schafft es, die Maschine völlig ruhig nach oben zu bringen. Wir sind auf 3 600 Meter Höhe und bereiten uns mental auf den Absprung vor. Die Tür geht auf und der kalte Wind schlägt mir entgegen. Ich setzte mich in die Türöffnung und meine Beine hängen aus dem Flugzeug. Plötzlich ist die Nervosität wieder da!

Der Blick in die Tiefe raubt mir den Atem. Der Tandemmaster gibt die Richtung und signalisiert mir das Zeichen zum Ausstieg. Wir begeben uns in Position und lassen uns nach vorne fallen. Ich verliere den Überblick. Wo ist oben? Wo ist unten? Wir fallen mit etwas weniger als 200 Kilometer pro Stunde. Die Geschwindigkeit zieht an meiner Haut. Ich schreie und juble vor Glück, Aufregung und Angst. Ich verliere jegliches Gefühl für Raum und Zeit. Der freie Fall kommt mir vor, als würden wir fliegen. Kommunikation ist bei einer solchen Geschwindigkeit ausgeschlossen und so gibt mir Christian durch ein Klopfen auf die Schulter das abgemachte Zeichen für das Öffnen des Fallschirms. Ich begebe mich in Position und spüre einen Augenblick später wie ein gewaltiger Ruck durch mich hindurch fährt, während sich der Fallschirm öffnet. Mein Herz schlug noch nie so schnell und kurz bevor ich mir meiner Situation bewusst werde, raubt mir die überwältigende Aussicht erneut den Atem.

Christian gibt mir die Steuerleinen und möchte, dass wir eine Linkskurve fliegen. Linker Arm runter, rechter Arm hoch. Eine prima Kurve. Allerdings war das für mich genug Aufregung für einen Tag. Ich gebe die Steuerleinen zurück und möchte die Aussicht genießen, während wir nach und nach dem Boden näher kommen und die Landung, wie vorher geübt, ausführen. Solch ein Tandemsprung ermöglicht es allen Interessierten ohne Erfahrung und sonstige Lizenzen einen Fallschirmsprung aus einem Flugzeug zu machen. Alle wichtigen Informationen gibt es auf der Homepage der Fallschirmspringer.

Text: Christian Meier / Foto: Fallschirmspringer.de

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