Das ist die kleine Yasna. Sie weiß noch nicht viel von der großen Welt, die da draußen auf sie wartet – oder doch? Noch vor 50 Jahren hätten Ärzte den Eltern geraten, dass das Schreien eines Babys die Lungen stärkt und trainiert, dass es kein Problem ist, dass ein Baby bei Schnee und Regen auch mal draußen sein kann. Sogar, dass ein Säugling keine Gefühle und keine Wahrnehmung besitzt. Das Wissen um Säuglinge und Kleinkinder ist nach heutigem Stand erheblich weiter.

Während der ersten 36 Monate entwickelt sich ein menschliches Baby erstaunlich schnell. Die Wahrnehmung, die sprachliche Entwicklung, ein bestimmtes Denken, ein soziales Verstehen entstehen. Allein im ersten Lebensjahr wächst ein Baby um 50 Prozent und nimmt das Dreifache seines eigenen Körpergewichts zu. Eine so schnelle Entwicklung wird nie wieder im weiteren Leben des Kleinen passieren. Yasna konnte im Mutterleib schon die Stimmen ihrer Eltern erkennen und bereits kurz nach der Geburt von denen anderer Menschen unterscheiden. Genauso weiß Yasna, welche Laute zu ihrer Muttersprache gehören und welche nicht. Sie besitzt bereits ein logisches Denken und kann auf verschiedene Situationen im Alltag reagieren. Kurzum: Mit ihren 16 Monaten weiß Yasna schon eine ganze Menge. Doch wie, wo und vor allem von wem wird so etwas herausgefunden?

Einen Säugling oder ein Kleinkind zu fragen, was es gerade denkt oder woher es bestimmte Sachen weiß, ist leider nicht möglich. An der Universität Göttingen gibt es zwei eng zusammenarbeitende Forschungsgruppen, die es sich zum Ziel gemacht haben, die frühkindliche Entwicklung zu untersuchen und zu erforschen: die Wortschatzinsel und die Kindsköpfe. Das Team der Wortschatzinsel hat dabei den Schwerpunkt auf die Sprache gelegt: Wie erlernt ein Kleinkind eine Sprache? Was versteht ein Kind von einer Sprache und welche Informationen werden von den Kleinen überhaupt durch Sprache gespeichert? Antworten auf diese Fragen werden in verschiedenen Experimenten und Studien erarbeitet und herausgefunden, die auf zwei Methoden basieren .Zu einem per EEG: eine Art Hightech-Bade-kappe, die aus weichem Stoff besteht und durch viele kleine Elektroden – winzigen Mikrofonen gleichend –, die die Hirnströme der Kleinen aufnimmt, und auswerten lässt. Somit kann bestimmt werden, zu welchem Zeitpunkt und durch welchen Reiz eine bestimmte Hirnaktivität entsteht. Die zweite Methode ist das so genannte Eye-Tracking, bei der die Blickbewegungen der Kleinen von einer ultrasensiblen Kamera festgehalten werden. Wenn Yasna vor einem großen Bildschirm sitzt und bestimmte Bilder sieht und dazu Wörter hört, lässt sich präzise festhalten, wann genau sie wo hinschaut. Der Einwand „Mit einem Kind experimentieren? – Das klingt aber nicht so gut oder gar falsch“ ist in diesem Fall unbegründet. Die Studien laufen für die Kleinen immer rein spielerisch ab. Kleine Kinder tun nämlich das, was alle, egal welchen Alters, gerne tun: hauptsächlich Sachen, die ihnen Spaß bereiten. Deshalb nehmen die Studien meistens nicht mehr als 30 Minuten in Anspruch. Hinzu kommt, dass den kleinen Teilnehmer immer genug Zeit gegeben wird, um sich an die neue Umgebung und an die Mitarbeiter zu gewöhnen. Falls die ungezwungene und entspannte Atmosphäre den jungen Versuchsteilnehmern nicht zusagt, die EEG-Kappe nicht gefällt oder die Lust fehlt, kann die Studie jederzeit abgebrochen werden.

So auch bei den Kindsköpfen. Das junge Team der Kindsköpfe erforscht, wie sich die Wahrnehmung und somit das Denken von Kleinkindern in den ersten drei Lebensjahren entwickelt. Diese Studien dienen auch dazu herauszufinden, wie soziales Verstehen und dementsprechend auch soziales Denken entstehen. Verschiedene Studien der Forschungsgruppen aus Göttingen haben bereits gezeigt, dass bereits im frühen Kindesalter ein Verständnis für gemeinsames Handeln besteht: Für bestimmte Probleme, welche innerhalb eines Spiels auftauchten, wählten die Kleinen bereits unterschiedlich „passende“ Spielpartner. So wurde bei dem Lösen eines Puzzles ein kompetenter Partner einem faulen vorgezogen. Die Ergebnisse, die aus den Studien der Göttinger Kindsköpfe und der Wortschatzinsel  resultieren, können enorm wichtige, vergleichende Aussagen darüber geben, wie sich Kleinkinder und Kinder zu einem bestimmten Zeitpunkt entwickeln und verhalten. Das Verstehen des Verhaltens und des Lebensablaufs der Kleinen wird dadurch veranschaulicht und dient dazu, veraltete Aussagen und Irrtümer zu widerlegen. Obendrein bietet es die Möglichkeit, die Erziehung in einem bestimmten Maße anzupassen. Um vergleichende Studien durchzuführen, reicht es jedoch nicht aus, die Entwicklung zehn verschiedener Kleinkinder miteinander zu vergleichen. Um repräsentative Aussagen treffen zu können, bedarf es der Hilfe mehrerer Kinder; dementsprechend auch die der Eltern. Hierzu gibt es eine Datenbank, in welche die Eltern sich mit ihrem Nachwuchs eintragen können. Informationen zu den beiden Forschungsgruppen gibt es im Internet. Dass alle Daten streng vertraulich behandelt werden, ist selbstverständlich. Am besten ist vielleicht, sich selbst ein Bild zu machen, die Kleinen ein wenig spielen zu lassen und einen Beitrag für einen seit viel zu langer Zeit unterschätzten Forschungszweig zu leisten.

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