Schnell muss es gehen! Ein Notfall! Die normalen Verkehrsregeln sind außer Kraft gesetzt. Fußgänger schauen dem Rettungstransportwagen neugierig nach. Kleine Kinder jauchzten vor Glück, wenn das blau blinkende Fahrzeug rasant an ihnen vorbeirauscht. Ihnen scheint noch nicht klar zu sein, was der Einsatz eines Rettungstransportwagens bedeutet. Aber wer weiß das schon so genau?

Ich für meinen Teil habe keine Ahnung über den Beruf eines Rettungsassistenten. Glück für mich, dass ich einen Tag die Gelegenheit habe, einen Rettungstransportwagen (RTW) des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) zu begleiten. Als ich mit meinem eintägigen Kollegen Dirk Raiser zu der ASB-Rettungswache nach Friedland fahre, setze ich mit meiner ersten Frage zu einer akkuraten Punktlandung an: Wie sieht eigentlich ein normaler Tag eines Menschen aus, der in einem Krankenwagen Leben rettet? Ich würde heute, wird mir erklärt, nicht in einem Kranken-, sondern in einem Rettungstransportwagen mitfahren. Dieser ist für die Versorgung und den Transport von Notfallpatienten bestimmt. Bei Krankentransportwagen hingegen zählt nicht jede Sekunde, wie bei ihren medizinisch umfangreicher ausgestatteten Pendants. Sie transportieren eher Patienten, die kein anderes Transportmittel benutzen können. Dennoch sind die KTWs und ihre Besatzung auch für den Notfalleinsatz gerüstet. Einen „normalen“ Tag scheint es auch nicht zu geben. Auf der Fahrt von Göttingen nach Friedland schildert mir Dirk dann aber doch, wie ein 24-Stunden-Dienst oft abläuft. 8.30 Uhr ist Schichtwechsel auf der ASB-Landwache Friedland. Mit den Kollegen wird besprochen, was in den vorherigen 24 Stunden passiert ist. Gab es keine Auffälligkeiten, wird der RTW nach Vorschrift inspiziert und gegebenenfalls werden die verbrauchten medizinischen Utensilien nachgefüllt – der Wagen ist stets für mehrere Einsätze gerüstet. Im weiteren Tagesverlauf stehen „Standardaufgaben“ an: Desinfektion des RTWs, Aufräumen und Reinigen des Wohnbereichs der Wache und vieles Weitere. Nicht zu vergessen sind natürlich die Einsätze, bei denen alles schnell gehen muss. Ich sollte einen der Tage erwischt haben, an denen es nicht „normal“ zu werden schien.

8.30 Uhr treffen wir bei der Wache ein. Ich stelle mich den zwei ASBlern aus der vorherigen Schicht vor und lerne Lothar Kämper, meinen zweiten Kollegen an diesem Tag kennen. 8.41 Uhr: Ich habe kaum die ASB-Kluft übergezogen, da erschallt ein weckerähnliches Piepsen: „Frau mit schlechtem Allgemeinzustand“, heißt es über das kleine Anzeigegerät, das jeder ASBler bei sich zu tragen hat. 8.42 Uhr finde ich mich im RTW 74/41 auf dem Beifahrersitz wieder. Während der Fahrt erklärt mir der erfahrene Rettungsassistent Lothar den Funk. Neben der Einhaltung der Funkdisziplin muss per Knopfdruck jegliches Ereignis der Einsatzzentrale bei der Göttinger Berufsfeuerwehr mitgeteilt werden: Ausrücken, Ankunft Notfallort, Abfahrt Notfallort, Ankunft Transportsziel, Abfahrt Transportsziel, Einsatzbereitschaft und Ankunft Wache. Die Einsatzzentrale verteilt die Notfälle dabei nicht nur an den ASB, sondern an alle anerkannten Rettungsdienste der Region. Nachdem wir an der Einsatzstelle angekommen sind, die Patientin von Lothar und Dirk versorgt und später in das Krankenhaus gebracht worden ist, fahren wir weiter. Um 10.20 Uhr kommen wir zurück zur Wache. Das Einsatzprotokoll wird ausgefüllt und mein erster Einsatz ist erfolgreich abgeschlossen.

Nachdem ich die Wache mit ihren zwei Etagen – unterteilt nach Wohn- und Arbeitsbereich – kennengelernt habe, beginnt das Tagesgeschäft: RTW-Check und die einwöchentliche Autodesinfektion. Gerade damit fertig geworden, freue ich mich auf das Mittagessen. Punkt 13.01 Uhr: Alarm. Kurz darauf sind wir erneut auf dem Weg zum einem Notfall. Dieses Mal ist es ernster. Mann mit – man verzeihe mir die fehlenden Fachausdrücke – Kollaps. EKG, Ohnmacht, Infusion, Notarztruf, Hubschraubereinsatz. Alles geht schnell. Erst im RTW kehrt wieder Ruhe ein. Der Patient ist stabil. Herr Prof. Dr. Quintel, der Notarzt aus dem Hubschrauber, fährt mit uns. Einen Hubschraubereinsatz erlebt man nicht alle Tage.

Im Jahr fliegt Herr Prof. Dr. Quintel bei den über 1400 Einsätzen des Christoph 44 der DRF Luftrettung nur noch selten mit. „Ein bis zwei Mal rücke ich im Jahr aus“, so der Mediziner. Glück für mich, da dieser freundlich wirkende Mann der geschäftsführende Leiter des Zentrums der Anaesthesiologie-, Rettungs- und Intensivmedizin ist. Durch die Arbeit in vielen Ländern ist er sich sicher: „Das Notfallrettungssystem in Deutschland ist eines der besten weltweit.“ Nachdem Patient und Arzt im Klinikum abgeliefert worden sind, meldet sich sofort die nächste Instanz: mein Magen. Es ist knapp 15.00 Uhr als meine zwei Kollegen und ich den Supermarkt betreten. Zehn Minuten später sind wir wieder auf der Wache, füllen die verbrauchten Utensilien in den RTW nach und Baguettes in den Backofen.

15.40 Uhr: Der nächste Einsatz steht an und der Ofen muss aus. 15.46 Uhr kommen wir zum Notfallort. Kind mit Verdacht auf Unterarmfraktur. Schwere Kindernotfälle gelten bei den Rettern als besonders anspruchsvoll. Doch der kleine Mann ist tapfer und hat anscheinend tatsächlich „nur“ einen gebrochenen Arm. Mit Schiene wird er im RTW zum Arzt gebracht und wir können wieder Richtung Wache fahren. Um die Beine hochzulegen, ist jetzt allerdings noch keine Zeit. Einsatzprotokolle müssen geschrieben und der RTW nachgefüllt werden. Ca. 18.15 Uhr gibt es die erste richtige Ruhepause. Wir schauen Fernsehen: ZDFinfo. Sich einfach berieseln zu lassen, tut gut.

Es ist mittlerweile 19.00 Uhr. Lothar ist nicht nur Rettungsassistent, sondern auch geprüfter Ausbilder. Bei ihm durchlaufen seine Kollegen einmal im Jahr ein Reanimationstraining. Heute ist Dirk an der Reihe. 19.45 Uhr werden mir ein paar Dinge am RTW erklärt. Um 20.15 Uhr gebe ich mich allerdings geschlagen. Ich habe ein halbe Schicht mitgemacht, nur zugesehen und bin trotzdem ausgelaugt. Meine eintägigen Kollegen haben noch bis 8.30 Uhr Dienst. 20.30 Uhr verabschiede ich mich von den ASBlern. Um 22.00 Uhr dann ein schlaftrunkenes Tagesresümee: Rettungsassistent, ein Job der nichts für einen Schreiberling wie mich ist. Ein Beruf, den es sich aber auszuüben lohnt. Menschen, die anderen Menschen helfen. Gewissenhafte Personen, die wissen was sie tun. Retter in der Not. 

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