Acht Jahre hat Thilo Grösch (29), gebürtig aus Bremen, in Göttingen gelebt. Neben dem Studium hat er sich vor allem als Szenefotograf und Redaktionsleiter eines Stadtmagazins einen Namen gemacht. 2012 entschied er, aus der Studenten- in die Großstadt zu ziehen. Mittlerweile arbeitet Thilo als PR- und Social-Media-Manager bei einem Berliner Start-Up. Die Zeit für ihn in Göttingen: unvergesslich.

Pfeil Du hast jahrelang in Göttingen als Fotograf die Szene porträtiert. Gibt es in Göttingen eine Szenekultur? Wie sieht diese aus?

Thilo Grösch: Natürlich gibt es eine Szene in Göttingen, die aber sicher deutlich kleiner geworden ist als früher. Aber es gibt Menschen in Göttingen, die dieser Szene ein Gesicht geben und versuchen, sie so gut wie möglich aufrecht zu erhalten. Mit ihrer Vielfalt machen sie Göttingen zu dem, was es am Wochenende ist. Und das ist nicht leicht, wenn ich sehe, wie viele Bars und Kneipen alleine zwischen 2008 und 2012 dichtgemacht haben. Göttingen schreibt sich gerne auf die Fahne, eine junge Studentenstadt zu sein, die auch kulturell viel zu bieten hat. Nightlife ist Kultur und sollte gefördert werden.

Pfeil Was unterscheidet das Partyvolk in Göttingen von dem in Berlin?

Thilo Grösch: Das Partyvolk in Berlin kleidet sich anders – man stylt sich abends nicht so auf, sondern geht einfach so, wie man sich sonst auch kleidet. Berlin ist Modehauptstadt, und das merkt man auch. Es gibt natürlich auch Clubs, in denen auf ein schickes Äußeres wert gelegt wird, aber die meisten angesagten Clubs wollen genau dieses Publikum gar nicht. Generell ist das Publikum im Schnitt älter und internationaler. Du kannst hier von Freitag bis Montagmittag feiern gehen.

Pfeil An welche Nacht in Göttingen denkst du heute noch gerne zurück?

Thilo Grösch: Da gab es einige, z. B. die Partys einer ehemaligen Vierer-WG in der City zu Beginn eines Semesters mit zuletzt über 250 Gästen. Die waren legendär – da wollte wirklich jeder hin. Was da abging, war schon preisverdächtig. Die Jungs haben am Ende einen Türsteher engagiert, um der Flut an Menschen, die die Party sonst einfach gecrasht hätte, Herr zu werden.

Pfeil Was war das ungewöhnlichste Thema, über das du während deiner Zeit beim Göttinger Stadtmagazin trends&fun geschrieben hast?

Thilo Grösch: Zu meinen Highlights zählt sicherlich der Selbstversuch von „Auf geht’s, ab geht’s, 3 Tage wach“, bei dem ich das Lied von Lützenkirchen in die Realität umgesetzt habe. Dann auf jeden Fall die Geisterjagd in der Plesse-Burg, bei der wir uns professionelle Geisterjäger zur Unterstützung nach Göttingen geholt haben und eine Nacht auf der Lauer lagen. Unvergessen auch das „Probewohnen“ in der damals neuen JVA Rosdorf, bei dem wir einen Tag und eine Nacht hinter Gittern verbracht haben, und das „Campen am Campus“ aus Solidarität zu den vielen wohnungssuchenden Studenten in Folge des Wohnraummangels, was wir zusammen mit den Kollegen von Goloci gemacht haben.

Pfeil Laut deinem Blog hast du die „Micky Maus“ im Abo. Wie reagiert dein Besuch darauf?

Thilo Grösch: Die klauen mir immer das beigelegte Gimmick, die Schweine.

Pfeil Was hast du vom Leben gelernt?

Thilo Grösch: Dass sechs Bier auch ein Schnitzel sind – und drei Mate auch ein Tofu. Dass „Mir doch egal“ nicht als Prüfungsantwort gilt. Dass Alkohol keine Lösung ist, sondern ein Destillat. Dass Göttingen Berlins größter Stadtteil ist. Dass manche Menschen so doof sind, dass es raschelt, wenn sie den Kopf bewegen – und trotzdem einen Abischnitt von 1,2 machen. Dass ein Marmeladenbrot dann besonders aufregend schmeckt, wenn man dazu quiekt und jauchzt. Dass man einen Mittwochabend auch ohne einen Besuch im Thanners überlebt – er mit aber schöner ist. Dass Göttingen mit die schönste Stadt der Welt ist.

Pfeil Du lebst und arbeitest inzwischen in Berlin. Warum Berlin?

Thilo Grösch: Weil ich nach acht Jahren in Göttingen – acht verdammt geilen Jahren – nochmal in eine Großstadt wollte. Und da kam für mich nur Berlin in Frage. Berlin ist einfach absolut fantastisch. Keine andere Stadt in Europa hat so viel lebendige Geschichte zu erzählen oder musste sich über Jahrzehnte oder Jahrhunderte so oft neu erfinden wie Berlin.

Pfeil Was machst du jetzt beruflich?

Thilo Grösch: Ich arbeite in einem jungen Start-up, Locafox, im Local-Commerce-Shop-Segment als Content-, PR- und Social-Media-Manager. Bei Local Commerce geht es darum, den Kunden wieder in den lokalen Einzelhandel zu bringen. Wir entwickeln eine Plattform, auf der User alle Produkte von allen Einzelhändlern, egal, ob große Kette oder Inhaber geführter Laden, in ihrer Umgebung finden. Die Produkte kann man sich reservieren und dann im Geschäft anprobieren gehen oder man kann sie sich per Same-Day-Delivery noch am gleichen Tag liefern lassen. Es macht großen Spaß, an dieser Vision mitzuarbeiten.

Pfeil Zieht es dich manchmal noch zurück nach Göttingen?

Thilo Grösch: Ja, zwei-, dreimal im Jahr bin ich noch in Göttingen zu Besuch, um Freunde und alte Kollegen zu sehen. Und mein Herz macht immer wieder Luftsprünge, sobald ich das Ortseingangsschild passiert habe. Einmal Göttinger, immer Göttinger.

Pfeil Was macht Göttingen für dich unersetzlich?

Thilo Grösch: Die Menschen, die die Stadt prägen: die Studis, Freunde, alte Kollegen. Und das Flair der Stadt mit den alten Fachwerkhäuser, den niedlichen Seitenstraßen, den kurzen Wegen.

Pfeil Wie verbringst du deine Zeit in Göttingen?

Thilo Grösch: Mit Freunden. Kaffeeschlürfend, feiernd, chillend – Hauptsache mit Menschen, die für mich zu Göttingen dazugehören wie der Nabel oder das Gänseliesel.

Pfeil Eichsfelder Stracke oder Berliner Currywurst?

Thilo Grösch: Currywurst. Eine Eichsfelder-Stracke-Currywurst wäre mal interessant. Wenn Börner-Eisenacher das realisiert, gebt bitte Bescheid.

Pfeil Gänseliesel oder Brandenburger Tor?

Thilo Grösch: Gänseliesel.

Pfeil Selfie oder Schnappschuss?

Thilo Grösch: Gruppenfoto!

Pfeil Hippie oder Hipster?

Thilo Grösch: Weder noch. Ich glaube, den Hipster als solchen mit seiner Skinny-Jeans und dem Jutebeutel gibt es auch schon gar nicht mehr. Die neue Gattung sind jetzt Hip-Hopster – lässige Mädels und Typen in übergroßen Sweatshirts, Turnbeuteln, die sie auch zum Feiern anziehen, Caps und Sonnenbrillen, die sie auch tragen, wenn es regnet und Sneakern, die aussehen, als hätte Neil Armstrong sie bei der Mondlandung 1969 angehabt.

Pfeil DJ oder Live-Act?

Thilo Grösch: Live-Act, unbedingt. Die DJs in meiner Freundesliste mögen mir verzeihen.

Pfeil Göttingen ist …

Thilo Grösch: … wenn man mittwochs auf ein Weizen ins Thanners und anschließend ins Savoy geht, wenn bei der O-Phase die halbe Stadt Kopf steht, wenn Ordnungsamt und Politik sich mit der Farbe von Sonnenschirmen in der Fußgängerzone beschäftigen, wenn man abends auch alleine feiern gehen kann, weil man eh irgendwen trifft, den man kennt, wenn man die ganze Stadt auch zu Fuß ablaufen kann, wenn man im Sommer die Weender auf und ab flaniert oder im Café sitzt, um zu gucken, wer guckt, wenn zum Monatsersten alle die Partybilder in den Stadtmagazinen nach sich oder Freunden absuchen, wenn beim Cry Baby Club im JT-Keller und bei der Kill Your Idols im einsB der Schweiß von der Decke tropft, wenn du beim Joggen um den Wall gefühlt dein halbes Semester triffst, wenn du nach dem Feiern erstmal bei Efes einen Döner isst, wenn du auf den Schillerwiesen chillst, wenn du dich freust, weil du auf der A7 das Ausfahrtsschild „Göttingen“ siehst, wenn die Gerüchteküche wieder mal brodelt und die halbe Stadt mehr über dich weiß als du selbst, wenn du die Freunde deines Lebens triffst, dich aufregst, dass alles so klein ist, genau das aber gleichzeitig zu schätzen weißt, wenn zur WM das Gänseliesel gestürmt wird, wenn du im Sommer an der Plesse-Burg auf der Mauer sitzt und mit Freunden Wein trinkst, wenn du mit Mitte/Ende 20 denkst: „Ich muss jetzt hier erstmal weg …! Aber ich komme wieder. Irgendwann.“

Pfeil Berlin ist …

Thilo Grösch: … wenn ich dem Taxifahrer sagen muss, wo er abbiegen soll, wenn man in Friedrichshain in eine Bar kommt und nicht weiß, ob die Einrichtung Kunst oder Sperrmüll ist, wenn man nie weiß, ob man vom Style her gerade total in oder total out ist, wenn man die Touris in der U-Bahn sagen hört: „It’s so Berghain here. It’s so international. Oh, I looove this city!“, wenn in der gleichen U-Bahn ein Gangster-Typ einer alten Dame Platz macht, wenn das Café im Kiez mit „mittelgutem Kaffee für 1,10 Euro“ wirbt, wenn sonntags im Mauerpark ein Flaschensammler bei der Open-Air-Karaoke „Nothing Else Matters“ rausschmettert, sodass du eine Gänsehaut bekommst, wenn du mit der S-Bahn zum Wannsee fährst und auf dem See den Sonnenuntergang beobachtest, wenn einer deiner Nachbarn Dr. Jo Gerner von GZSZ ist und dich morgens beim Späti nett grüßt, wenn du von Stadtteil zu Stadtteil eine halbe Stunde brauchst, wenn du heute in die Oper, morgen zum Poetry-Slam, übermorgen zum illegalen Open Air irgendwo an der Spree und tagsdrauf zum Konzert von Sido gehst, wenn du auch unter der Woche feiern gehen kannst, wenn sich auch in Nicht-Raucher-Kneipen niemand um das Nicht-Raucher-Schutzgesetz schert, wenn dich Kreuzberg einerseits total fasziniert und gleichzeitig mega abnervt, wenn man auch mit Socken und Pyjamahose einkaufen gehen kann, ohne dabei schräg angeguckt zu werden, wenn die Kellnerin in der Bar dich in ihrer nonchalanten Art fragt: „Kiekste noch oder weeßte schon?!“, wenn im Winter die S-Bahn ausfällt, wenn schon wieder irgendwo ’ne Demo ist, wenn am 1. Mai eine halbe Million Menschen in Kreuzberg ein großes Straßenfest feiern, ohne Steine zu schmeißen, wenn du dich aufregst, dass du gerade eine U-Bahn verpasst hast, obwohl in drei Minuten die nächste kommt, wenn niemand am Abend früh nach Hause geht, weil er tagsdrauf früh raus muss, wenn überall gekifft wird und Deutschlands erster legaler Coffee-Shop eröffnet, wenn David Hasselhoff an der Eastside Gallery für den Erhalt der Überbleibsel der Berliner Mauer „Looking for Freedom“ singt, wenn du nicht sagst: „Hamburg ist aber auch eine tolle Großstadt …“ und wenn du erst recht nicht sagst: „Ich mag München.“

Vielen Dank für das Gespräch. Stern

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