Es ist 50 Jahre her, dass Göttingens beliebteste Französin Barbara (eigentlich Monique Serf) ihr Chanson „À Göttingen“ genau hier, in unserem Städtchen, zu Papier brachte. Vergangenes Wochenende veranstalteten das Lumière und das JT ein Barbara-Festival mit Chansons und einer informativen Matinée. Leben37 hat sich das angesehen und wurde prompt vom Barbara-Fieber gepackt.

Chansons sind ja so schön! Vor allem „A Göttingen“ macht das Herz so warm. Wer das Lied schändlicherweise nicht kennt, sollte schleunigst seine Wissenslücke auffüllen.

Freitag, Chanson-Abend im JT mit Mathieu Rosaz und Guillaume Toucas

Ich finde mich um 17.30 Uhr im JT ein. Es ist gerammelt voll. Sogar einige Franzosen sind angereist. Munteres Gerede erfüllt das Foyer und als ein Kameramann durch die Menge pflügt, sagt ein Herr neben mir ehrfürchtig: „Oh, da kommt das Göttinger Tageblatt!“ Gierig begehren die Barbara-Fans Einlass und als sich die Tore zum Theatersaal vier Minuten später als angekündigt endlich öffnen, zockeln alle hurtig voran.

Ohne viel Tamtam begrüßt uns JT-Geschäftsführer Ernst Gottwald und dann begibt sich auch schon Mathieu Rosaz, le grand maître, an den Holzflügel. Bescheiden haucht er ob des Empfangsapplauses ein „Dankeschön“ in die Menge und legt los. „Chapeau Bas“ heißt die erste Nummer und „Hut ab“ will auch ich rufen. Was für ein Pianist! Nach der Eröffnungsnummer stellt Rosaz uns seinen Begleiter vor, Schauspieler Guillaume Toucas. Der spricht etwas Deutsch und übersetzt hin und wieder, was uns Monsieur Rosaz über die Lieder von Barbara erzählt. Viel mehr, er übernimmt bei einigen Stücken den deutschen Part.

Oh là là, wie schön das klingt!

Mathieu Rosaz zaubert Fabelhaftes aus seinem Repertoire. „Trop Tard“ zum Beispiel, das extra für Marlene Dietrich geschrieben wurde, „Les Boutons Dorés“, die vergoldeten Knöpfe, bei dem die Finger des Interpreten nur so über die Tasten hüpfen.„Pleure Pas“, weine nicht, singt Rosaz auch, ein Lied, das sich Barbara extra für ihre Schwester ausdachte. Einen Vollblut-Chansonnier haben wir hier, Mathieu Rosaz ist in seinem Element. Dramatische Akkorde und große Gestik, eine laute, einwandfreie Stimme, aber auch Lagerfeuergemütlichkeit und viel Melancholie hat er zu bieten. Und wenn er ein besonders beeindruckendes Stück hinter sich hat, erhebt er sich flugs vom Sitz und scheint, etwas außer Atem, ganz stolz, dass er das so brillant geschafft hat. Ein Traum. Bescheiden und souverän und absolut passioniert führt er durch den Abend, eineinhalb Stunden klatscht sich das Publikum die Hände wund.

Besonders schön ist auch „Nantes“, das Toucas auf Deutsch interpretiert. „Nantes im Regen macht das ‚erz mir schwer…Madame, beeilen Sie sich sehr…’ier fängt die letzte Reise an…“ Also, da wird man doch schwach! Und dann kommt das Göttingen-Lied. Auf die deutsch-französische Freundschaft!

Eine Zugabe ist nicht genug

Mit Kusshand verabschiedet sich Rosaz, aber es ist klar, dass er hier erst mal nicht weg kommt. Die erste Zugabe ist fetzig und seine violettfarbenen Stiefel stampfen wild auf dem Bühnenboden. Jetzt aber raus hier. Doch so elegant der Abgang auch ist, das Publikum will mehr. Und es müssen ja noch Sträußchen überreicht werden! „Ooooh“, ruft Rosaz ganz angetan und schnüffelt glücklich an den Blumen. Er lässt sich von der ausgelassenen Stimmung im Zuschauerraum anstecken und sich zu einem Letzten hinreißen. Guillaume singt auch mit! „’olz brennt im Kamin…’erbst in dieser Stadt…ich bin vor Liebe krank..“ Hach! Und dann…lässt uns Rosaz doch tatsächlich mitsingen, als er „A Göttingen“ erneut spielt! Auf einmal sprechen alle Französisch und trällern leise und respektvoll (bloß keinen Ton aus dem Munde des Künstlers versäumen) „il y’a des gens qui j’aime à Göttingen.“ Denn haben wir nicht alle Menschen, die wir lieben in Göttingen?

Sonntag, Matinée im Lumière

Im Foyer tummeln sich Besucher und erhoffen sich neue Wahrheiten über ihre bevorzugte Chansonnière. Barbaras Neffe Bernard Serf sowie Martine Worms, Vorsitzende des Pariser Vereins „Barbara-Perlimpinpin“, der sich die Pflege von Barbaras musikalischen Werken zur Aufgabe gemacht hat, sind heute zu Gast.

Zunächst zeigen uns die Veranstalter einen siebenminütigen Film von Arte, der hinreißende Aufnahmen von der jungen Barbara in Göttingen zeigt. Die beste ist freilich eine Deutsch-Übung am Klavier, als sie ihr Göttingen-Lied probt.

Dolmetscherin Annette Casasus sorgt dafür, dass alle verstehen, was da so bewundernd über Barbara erzählt wird. Sie trägt uns einen Auszug aus Barbaras Memoiren vor. Wir erfahren, dass die Sängerin überhaupt nicht in dieses Göttingen kommen wollte. Doch die Hartnäckigkeit von JT-Gründer Hans-Gunther Klein bewirkte, dass sich Barbara doch noch zu einer Performance hinreißen ließ und später das Göttingen-Lied komponierte. Sie verdanke das Chanson dem Wunsch nach Versöhnung, nicht aber dem Wunsch nach Vergessen, so schrieb sie.

Kindheit im Versteck

Barbara alias Monique Serf hatte keine leichte Kindheit. Als Jüdin im Vichy-Regime musste sie sich mit ihrer Familie vor den Nazis und den Milizen der Kollaborateure versteckt halten. Über den Krieg habe sie kein Wort verloren, sagt Bernard Serf. Doch ihr Vater soll dem neugierigen Enkel, der stets kräftig nachhaken musste, um irgendetwas zu erfahren, einmal anvertraut haben: „Es gab keinen Moment, in dem ich keine Angst hatte.“ Und Barbara hat diese Zeit so kommentiert: „Es war gefährlich, aber es kam uns auch vor wie Verstecken spielen.“

Ihr Neffe erzählt, wie er Barbara erlebt hat. Er erinnere sich noch daran, wie seine Tante ihren ersten Ohrwurm geschrieben hat, nämlich „L’Aigle Noir“, der schwarze Adler. Alle, die das Stück bei den Aufnahmen hörten, prophezeiten Barbara, es würde ein Kassenschlager werden. Doch Madame glaubte nicht daran. Erst später habe sie sinngemäß gesagt: „Naja, mit 40 kann man schon mal einen Hit landen.“

Musik schien Barbara im Blut gelegen zu haben. Sie und ihr Bruder spielten schon als Kinder Klavier, so Bernard Serf, ganz ohne Unterricht, einfach intuitiv. „Barbara“ wurde aus Liebe zu ihrer Großmutter zu ihrem Pseudonym. Varbara, russisch für Barbara, kam 1905 aus Russland nach Frankreich und die kleine Monique liebte sie innig. Übrigens, so Bernard, nannte Barbara niemand Monique, nicht einmal ihre Mutter!

Bloß kein Gutmensch im Rampenlicht

Martine Worms erzählt, sie bewundere Barbara für ihr Auftreten, das „super magnifique“ war, ihre Stimme, deren Besonderheit mit der einer Edith Piaf zu vergleichen sei. Als Kind schon habe sie das gemocht an der Chansonnière und bei einem Konzert von Barbara saß sie  auf einem Platz, der ihr gerade die Sicht auf einen bestrumpften und elegant beschuhten Fuß erlaubte – glücklich aber war sie allemal. Barbara sprach zu der Jugend, so Martine, auch über schwere Themen des Lebens, aber sie trat dem Publikum nie zu nahe. „Sie hat uns in ihren Bann gezogen.“

Dass Barbara nichts von Schnickschnack hielt, beweist auch ihre Wohltätigkeit, von der kaum etwas bekannt ist. Barbara hat in Gefängnissen und Krankenhäusern gesungen, sich um AIDS-Kranke gekümmert und Lieder zu der Krankheit geschrieben. Als die Presse herausfand, dass in ihrem Haus in Frankreich eine Art Kummertelefon für AIDS-Kranke installiert war, die Barbara anrufen konnten und für die Barbara zu jeder Tages- und Nachtzeit ihr Haus verließ, um bei ihnen zu sein, versicherte Barbara den Journalisten: „Wenn ihr das veröffentlicht, beende ich meine Hilfe für die Kranken. Und dann ist das eure Schuld.“ Die Journalisten hielten dicht. Barbara ging es nie darum, sich mit Wohltätigkeit in der Öffentlichkeit zu profilieren. Sie half wo sie konnte und sie wollte das nicht mir ihrer Musik vermischen. Eine wahre „femme de cœur“ eben. Stern

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