Der Anruf kam spontan und der Auftrag klang simpel: Fahr von Göttingen nach Heilbad Heiligenstadt und dokumentiere fotografisch ein Essen in einem Restaurant. Ich sollte also nur Fotos machen. Als ich hörte, dass es sich um ein Blind Dinner handelte, ein Essen in einem von Dunkelheit geplagten Raum, wurde ich hellhörig. Meine Gedanken drehten sich um die Frage, wie ich bitte im Dunkeln Fotos machen sollte. Ein Blitz war mir nicht gestattet. Nun gut. So dunkel würde es schon nicht werden, vielleicht ein etwas konsequenter durchgezogenes Candle Light Dinner, einer Version vielleicht mit alten Kerzen an einer Wand oder einem Kaminfeuer, das den Raum mit flackernden Schein erhellen würde. Wer isst schon im Dunkeln?! Tatsächlich sollte ich schnell feststellen, dass meine Fantasie in diesem Punkt nicht weit genug reichte.

Vor Ort erwartete uns ein kleines, aber äußerst schmuckes Restaurant. Schon von außen eröffnete sich durch große, blank polierte Schaufenster ein Blick auf einen mit viel Liebe eingerichteten Essbereich und vor allem auf den Kochbereich. Denn anders als in anderen Restaurants stellte hier ein edelstahlbeschlagener Küchenvorsatz, der weit in den Gästeraum hineinragte, so etwas wie den ersten optischen Höhepunkt dar. Ein bereits festlich gedeckter Tisch verriet, dass heute Abend noch der übliche Hochbetrieb stattfinden würde. Und zu meiner Genugtuung war es dort nicht dunkel: An den Decken hingen helle Lampen, die alle Bereiche gut ausleuchteten. Von Dunkelheit  keine Spur und mich dünkte es, dass mir die ganze Sache vielleicht ein wenig übertrieben dargestellt wurde. Es gibt verschiedene Formen von Dunkel.

Nahezu poetisch las sich die geheimnisvolle Speisekarte.

Die Begrüßung war nett und gestaltete sich sehr persönlich. Der Eigentümer, ein gut gelaunter, witziger Chefkoch, der es von der ersten Sekunde an verstand seine Gäste zu unterhalten, servierte den ersten Wein mit einem dazu passenden Briefing und vollzog dabei eine Reihe halsbrecherischer Gesten mit seinen Händen. Ich war fasziniert. Seinen Ausführungen folgend schien es einen separaten Raum zu geben, in dem es tatsächlich dunkel war. Ich war gespannt. Die Speisekarten wurden gereicht. Die Auswahl bestand aus vier verschiedene Menüs mit jeweils vier Gängen. Soweit so gut. Die Speisekarten waren allerdings besonders. Mir oblag eine Menüwahl zwischen Fisch, Fleisch, Vegetarisch oder Fernöstlich, was aber auch das einzige war, das ich aus diesen Karten verständlich entnehmen zu vermochte. Die einzelnen Gänge wurden vorgestellt in nicht nur sehr kreativ sondern auch äußerst geheimnisvoll anmutenden Fließtext. Nahezu poetisch klang das und keine der an diesem Blind Dinner teilnehmenden Personen konnte sich der Versuchung des lauten und offenherzigen Herumrätselns erwehren.

Dann ging es los. Beziehungsweise ging man nicht einfach los, man wurde geführt von unserem Chefkoch, der ein Nachtsichtgerät trug. Mit den Händen auf meinen Schultern geleitete er mich sicher durch die Dunkelheit an meinen Platz. Ohne nachtsichtliche Begleitung durfte ich nun nicht mehr aufstehen und schon gar nicht – wie man mir mit Nachdruck empfahl – durch den dunklen Raum laufen. Der Raum war tatsächlich dunkel, nein stockduster, man sah nichts. Hielt man sich die Hand direkt vor Augen, blieb sie unsichtbar. Ab diesen Augenblick war ich sinnestechnisch begrenzt auf mein Gehör, meinen Geruch, meinen Tastsinn und natürlich nicht zu vergessen: meinen Geschmackssinn. Den würde ich jetzt am meisten brauchen.

Zuerst waren die Sinne überfordert, vor allem die Augen, auch wenn sie sich eigentlich eine Pause gönnen konnten, so schien es mir, als hatten sie Probleme diese gänzliche Schwärze zu akzeptieren. Sie wollten sehen, denn sie waren ja geöffnet und selbst in der Nacht sind sie üblicherweise mit weniger Dunkelheit konfrontiert. Es dauerte einen Moment, bis ich mich einer leichten, sehr latenten Unruhe entledigen konnte. Auch das Gefühl einer unheimlichen Situation drängte sich immer wieder auf. Es war wohl eher ungewohnt, dennoch fürchtete man diese Dunkelheit ein bisschen, jedenfalls den im Menschen in der Regel etwas eingeschlafenen Instinkten nach. Doch irgendwann entspannte ich mich, wurde ruhiger in meinen Bewegungen; es blieb mir auch nichts anderes übrig, wollte ich nicht sofort mit einer zu hastigen Bewegung die gut duftende Schorle in dem seltsam geschwungenen Glas zu Boden stoßen. Hektik, das wurde mir klar, ist etwas, wozu man seine Augen braucht. Das Getränk an sich schmeckte nicht wirklich intensiver, vielleicht fremder, man war sich nie ganz sicher, was man da eigentlich grade trank. Einer geübten Nase wäre es da vielleicht besser ergangen. Zehn Minuten in einem dunklen Raum reichen letztlich nicht, um die nichtvisuellen Sinne entscheiden zu schärfen, das hatte ich auch nicht wirklich erwartet, aber ich kann sagen, dass man mehr auf sie achtet, man konzentriert sich auf das, was man sonst noch so wahrnimmt, ohne es zu sehen.

Ein kulinarisches Fest – auch für die Fantasie

Die Musik im Raum sollte wohl ein wenig ablenken von der Herausforderung nichts zu sehen, doch mich irritierte sie etwas, jedenfalls im Dunkeln. Doch als schließlich der erste Gang aufgefahren wurde, vergaß ich sie und irgendwann vergaß die Musik uns, denn erst am Ende fiel mir auf, dass ich scheinbar schon länger nicht nur umgeben von Schwärze, sondern auch von Stille gespeist hatte. Das Essen – das kann ich verraten – war großartig. Jeder Gang hätte nicht nur im Blind-Modus die Fantasie angeregt. Es schien mir aufwendig zubereitet und witzigerweise auch ebenso aufwendig auf dem Teller inszeniert. Ich kann es natürlich nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich hatte immer das Gefühl, dass die Teller kunstvolle Kompositionen auch für das Augen geboten hätten. Weniger kunstvoll waren meine Essmanieren im Dunkeln. Wer es noch nicht ausprobiert hat, würde nicht auf die Idee kommen, an welchen Kleinigkeiten das Einnehmen eines Mahls ohne Zuhilfenahme der Augen scheitern kann. Jedenfalls für mich. Es dauerte nicht lange und ich muss gestehen, dass ich dem edlen Restaurant und dem dort grundsätzlich herrschenden ästhetischen Anspruch zum Trotz Messer und Gabel zur Seite legte und heimlich begann mit den Fingern zu essen. Tatsächlich bedurfte es zuerst einer gewissen Überwindung mit der bloßen Hand einfach in sein Essen zu fassen. Doch wollte man erfahren, was sich wo und wie auf dem Teller verbarg, kam man nicht umhin. Überraschend und auch ein bisschen erschreckend war, wie schnell man sich daran gewöhnte aus einem Viergänge-Menü, ausgenommen natürlich der Vorsuppe, ein Finger-Food-Erlebnis zu machen. Doch man speist mit den Fingern nicht nur puristischer, sondern auch schneller. Und so kam es ab und zu vor, dass ich mich tatsächlich ein bisschen langweilte, so im Dunkeln sitzend. Aus irgendeinem Grund stellte ich mir vor, wie viel mehr spannend es hier wäre, wenn man die Gäste, die in ihr Essen vertieft nichts um sich wahrnehmen konnten, erschrecken oder ein bisschen aufregen würde. Eine mich unvermittelt streifende Geisterhand oder eine plötzlich neben mir sitzende Person, die da eben noch nicht saß, hätte mich sehr gereizt. Anderen geht es da vielleicht anders.

So hockte man im Dunkeln und stopfte mit den Fingern die besten Speisen in sich hinein. Das soll nicht missverstanden werden. Wenn ich aß, war es atemberaubend lecker und ich begann meine Augen zu vergessen, was als ultimatives Lob an den Koch verstanden werden darf. Ansonsten habe ich mir immer wieder den Raum versucht vorzustellen, in dem ich fast drei Stunden saß. Es ist fast psychotisch, was ich mir in dieser Zeit alles für Details in diese vier Wände hinein gereimt habe.

Unterm Strich muss ich sagen, dass es ein sehr aufregendes und mir lange in Erinnerung bleibendes Erlebnis war. Ein eben nicht nur kulinarisches Erlebnis, aber dennoch ein vor allem kulinarisches Erlebnis. Das Essen war hervorragend und der Service sehr freundlich und einladend. Wer das etwas andere Essabenteuer sucht, sich dabei nicht von den Infrarotleuchten der Nachtsichtgeräte abschrecken lässt und auch sonst offen für Neues ist, der ist bei ‚Der Zinke‘ in Heiligenstadt genau richtig. Und für Feiglinge bietet sich sowieso immer noch der beleuchtete Essbereich an, von dem aus man den Chefkoch persönlich bei Kredenzen der einzelnen Speisen in der Küche beobachten kann. Ein Besuch wird von meiner Seite unbedingt empfohlen.

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