Kai Havaii ist ein Allroundtalent: Er hat als Comiczeichner angefangen, arbeitet freiberuflich als Autor und Produzent fürs Fernsehen – und natürlich singt er bei Extrabreit, der bekannten Rockband aus Hagen, die sich bereits 1978 gründete und ihre größten Erfolge Anfang der Achtziger feierte (man denke an ihren Hit „Hurra, hurra, die Schule brennt“). Außerdem hat Havaii vor einigen Jahren seine Autobiographie „Hart wie Marmelade“ veröffentlicht. Gemeinsam mit Extrabreit-Gitarrist Stefan Kleinkrieg tingelt er seitdem für Konzertlesungen durchs Land. Im Oktober machten sie Halt in Kassel. Leben 37  war dabei und bat die beiden Rock’n’Roller zum Gespräch.

Interview Pfeil Kai, wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen, ein Buch zu schreiben?

Kai Havaii: Den Wunsch, neben Songtexten auch längere zusammenhängende Texte zu schreiben, habe ich schon länger. Ein Buch über mein eigenes Leben war ein ganz guter Einstieg. Denn ich habe natürlich schon damit gerechnet, dass sich mit dieser autobiografischen Sache ein Verlag findet, und das war dann auch der Fall. In der Zwischenzeit habe ich auch an anderen Sachen weiter geschrieben und hoffe, dass demnächst auch noch ein Buch kommt. Das soll dann eher fiktiv werden.

Interview Pfeil Das Buch ist schon seit 2007 erhältlich, warum findet jetzt noch eine Lesereise statt?

Kai Havaii: Das frage ich mich auch (lacht). Wir werden einfach immer wieder gefragt, ob wir nicht noch mal vorbeikommen wollen. Hier in Kassel waren wir jetzt schon drei oder vier Mal. Es ist natürlich weniger geworden als 2007 oder 2008, aber ab und zu kommt es noch vor. Es ist auch nicht nur eine Lesung, sondern wird kombiniert mit Unplugged-Musik. Es wird zwar mehr gelesen als musiziert, aber wir spielen schon einige Hits. Und je nach dem, wie es läuft – die Stimmung ist meistens sehr gut –, spielen wir dann gerne auch noch zwei, drei Lieder.

Interview Pfeil Wie sieht denn heutzutage euer Publikum aus? Sind das Besucher, die Extrabreit noch von früher kennen oder sind auch jüngere Leute dabei?

Stefan Kleinkrieg: So genau kann man das nicht sagen. Aber es kommen schon manchmal junge Leute zu uns, die erzählen, dass sie uns von ihren Vätern kennen. Unsere Songs werden im Radio nicht gespielt, also läuft die Verbreitung unserer Musik eher über den Plattenschrank der Eltern. Ich möchte jetzt nicht den Bescheidenen mimen, aber wir sind eigentlich ganz zufrieden damit. Wir sind auch in einem Alter, wo man das gelassener sieht. Wir sind jetzt nicht auf der Suche nach dem heiligen Gral.

Interview Pfeil Und wie läuft es momentan mit Extrabreit, sitzt ihr an irgendwelchen Projekten?

Kai Havaii: Wir haben Ende letzten Jahres die „Ewigkeit“-EP mit vier Stücken gemacht. So etwas machen wir zwischendurch, damit die Fans um Weihnachten herum ein bisschen Futter haben, wenn wir auf Tour sind. Aber es ist jetzt nichts Größeres, beispielsweise ein Album, geplant. Wir spielen öfter live und sind froh, dass wir uns dann gesund und munter wiedersehen, das ist einfach schön. Wir machen das inzwischen eine so lange Zeit, dass wir das mittlerweile wirklich als Zugabe betrachten. Aber eigentlich ist das Extrabreit-Bier momentan unser Hauptprojekt.

Interview Pfeil Was hat es denn mit diesem Bier auf sich?

Stefan Kleinkrieg: Wir sind dazu gekommen, weil wir clevere Businessleute sind (lacht). Der Name „Extrabreit“ eignet sich wunderbar für ein Bier und es schmeckt auch ganz gut. Es ist nicht irgendein Überschuss, der unter einem anderen Namen abgefüllt wird, sondern wird wirklich extra angerührt.

Kai Havaii: Das soll auch nicht einfach ein Merchandise-Artikel sein, sondern sich möglichst als eigenständige Marke etablieren. Natürlich liefern wir zunächst mit der Band den Background dafür, aber es soll sich weiterentwickeln. Es gibt langsam aber sicher auch immer mehr Getränkehändler, die das Bier im Sortiment haben, und auch die Kneipen zeigen immer mehr Interesse. Das geht peu à peu, und wir hoffen, dass wir uns da vorarbeiten, und dass vielleicht auch etwas für die Rente übrig bleibt.

Interview Pfeil Auf eurer Homepage steht: „Extrabreit – nie waren sie so wertvoll wie heute“. Warum ist das so? Was ist denn der Hauptunterschied zu früher?

Stefan Kleinkrieg: Wir sind die einzige Band, der man noch trauen kann (Gelächter). Während alle anderen einem modernen Schlager verfallen, widmen wir uns nur noch unserem Mythos und leben den ganz entspannt aus. Wir können machen, was wir wollen. Wir liefern gute Shows ab. Aber es wäre natürlich gelogen, zu sagen, dass wir Tourneen spielen, die ausverkauft sind. Trotzdem gehen wir jedes Jahr zum Jahresende auf unsere bekannte Weihnachts-Blitz-Tournee, das sind meist fünf bis sieben Konzerte. Ansonsten spielen wir das ganze Jahr über immer mal wieder und lassen das ganz entspannt auf uns zukommen. Für uns ist es vielleicht so wertvoll wie noch nie, weil wir 1998 eigentlich Schluss gemacht hatten und diese Entscheidung ein halbes Jahr später sofort bereuten, weil wir gemerkt hatten, es ist noch nicht ganz zu Ende. Wir haben uns mehr vermisst, als froh darüber zu sein, dass es vorbei war. Dabei haben wir vorher vollmundig verkündet: Nie wieder. 2005 und 2008 haben wir aus reinem Spaß mit kleinen Labels zwei neue Platten gemacht, aber das war nicht so befriedigend, wie wir es erhofft hatten. Unser Hauptaugenmerk ist auf die Liveshows gerichtet. Wir merken auch, dass es für die Leute ein Happening ist. Wir haben früher richtig viele Platten verkauft und dadurch viele Besucher, die mitsingen.

Kai Havaii: Ich denke, es gibt auch nicht mehr so viele Bands wie uns, die musikalisch eine bestimmte Fahne hochhalten. Das hat sich kaum geändert: Wir sind eine Gitarrenrockband von altem Schrot und Korn, ohne viel Pipapo, ohne Theater, ohne Einspielungen und Playbacks, ohne doppelten Boden, einfach der pure Stoff. Und wer das zu schätzen weiß, für den ist es wertvoll.

Interview Pfeil War die sogenannte Neue Deutsche Welle für euch eigentlich Fluch oder Segen?

Stefan Kleinkrieg: Beides. Es war insofern ein Segen, als wir unheimlich populär wurden, viele Platten verkauft haben und in großen Hallen spielen konnten. Der Fluch war, dass die Bewegung, die sich da aufgetan hatte, eher von der Industrie in Gang gesetzt wurde – wir sind, mit Verlaub, schon ein anderes Kaliber als Markus oder Fräulein Menke. Das zählt ja auch alles zur Neuen Deutschen Welle. Böswillige Menschen haben uns dazu gerechnet, dabei machen wir einfach Rockmusik mit deutschen Texten.

Kai Havaii: Aber wir waren definitiv Teil einer Generation von jungen deutschen Musikern, die ein ziemlich neues Fass aufgemacht haben. Das Gefühl, dass da etwas Spannendes und Aufregendes passierte in Deutschland, das war allgemein, da war man ein Teil von. Bis dahin war es nicht üblich als Rockband auf Deutsch zu singen, abgesehen von Ausnahmen wie Udo Lindenberg und Ton Steine Scherben.

Interview Pfeil Was war der Höhepunkt eurer bisherigen Laufbahn?

Stefan Kleinkrieg: Gemessen am Erfolg, war der Höhepunkt natürlich 1982, als wir eine ausverkaufte Tour hatten und jeder unsere Lieder kannte, das war schon ein Highlight. Es gibt aber auch andere Konzerte, die ich unvergesslich finde, teilweise auch in den letzten Jahren. Zum Beispiel haben wir einmal in Münster gespielt, wo viele Leute waren, die unheimlich abgingen. Dann sah ich von der Bühne aus die Sonne untergehen und dachte mir, das ist eigentlich der geilste Job der Welt.

Interview Pfeil Und der Tiefpunkt?

Stefan Kleinkrieg: Da erinnere ich mich an ein Konzert in Bautzen, 1994 oder 1995. Das war in einer riesigen Halle, in die 6.000 oder 7.000 Leute passen, es waren aber keine hundert da. Das schepperte und hallte und obendrein hatten die Roadies auch noch die Hälfte der Anlage vergessen. Es klappte einfach überhaupt nichts. Ich weiß noch, wie wir danach dort saßen. Keiner hat mehr ein Wort gesagt.

Kai Havaii: Ja, solche Sachen gab es ab und zu, gerade im Osten. Ich erinnere mich an ein Konzert in Magdeburg in einer Riesenhalle mit lediglich sieben zahlenden Gästen.

Stefan Kleinkrieg: Die saßen auch noch hinten am Tresen. Das war einfach ein leerer Saal. Aber wir haben gesagt, wir spielen trotzdem, und das Konzert durchgezogen. Wir haben das als bezahlte öffentliche Probe gesehen. Früher, als wir angefangen haben, hatten wir übrigens einen Ehrengrundsatz: Wenn im Publikum einer mehr ist, als wir in der Band sind, spielen wir – also ab sechs Leuten. Das war die sogenannte 5-plus-1-Doktrin.

Interview Pfeil Ihr habt schon mit vielen Leuten zusammengearbeitet – gibt es noch etwas, das ihr gerne machen wollt?

Stefan Kleinkrieg: Das mit den Gaststars war ja so eine Trilogie: Erst kam die Zusammenarbeit mit Marianne Rosenberg, dann mit Hildegard Knef und dann mit Harald Juhnke. Uns fällt aber eigentlich niemand mehr ein, mit dem man an diese Reihe anknüpfen könnte. Außerdem wäre das ja dann eine Wiederholung und vielleicht auch ein bisschen billig, diesen alten Trick wieder auszugraben. Vielleicht würde Udo Lindenberg noch in Frage kommen, allerdings ist der mittlerweile so unglaublich erfolgreich, das käme dann so rüber, als würden wir uns an ihn ranhängen wollen. Wir sind mit Udo aber schon seit den frühen Achtzigern befreundet.

Kai Havaii: Klar, mit Udo wäre das schon was Feines. Der freut sich auch immer, wenn wir uns sehen. Neulich war ich bei einem Konzert von ihm in Hamburg, da meinte er, wir müssten unbedingt mal was zusammen machen. Und da sagte ich: Udo, wir haben doch noch so viel Zeit. Bloß keine Hektik (lacht).

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