Das 11. Impro-Festival der Comedy Company hat Göttingern mal wieder Muskelkater im Bauch beschert. Kurz vor den Spätshows am Freitagabend, dem 28. März 2014, erzählte uns Gastgeber Lars Wätzold von der Comedy Company von Dynamik mit dem eigenen Ensemble, neuen Formaten und anderen Leidenschaften neben dem Improvisieren.

Pfeil Bist du noch aufgeregt, bevor du auf die Bühne gehst?

Lars Wätzold: Im Lumière bin ich nicht mehr aufgeregt, das ist ja quasi unser Wohnzimmer. Ohne Herausforderung ist das aber trotzdem nicht. Denn in der ersten Spätshow spielen wir ein Musical. Ich kenne die Schweizer (die Gruppe „anundpfirsich“, Anm. d. Red.) erst seit einer Stunde und hab‘ die noch nie gesehen. Ein bisschen hibbelig ist man dann schon.

Pfeil Wie rekrutiert ihr denn die Ensembles, mit denen ihr bei dem Festival zusammen spielt?

Lars Wätzold: Man hört in der Szene immer auch von anderen Truppen. Die Leipziger TheaterTurbine zum Beispiel haben wir eingeladen, weil Katrin (Richter, Teil des Comedy Company-Ensembles, Anm. d. Red.) immer so von denen geschwärmt hat. Ich wollte auch schon immer mal jemanden aus der Schweiz dabei haben und als ich mich umgehört hab‘, hieß es, „anundpfirsich“ kann man an und für sich ganz gut nehmen.

Pfeil Ist dir so eine Dynamik auf der Bühne mit bekannten Kollegen lieber als eine Show mit Fremden?

Lars Wätzold: Was heißt lieber, irgendwann sind die „alten Kumpels“ abgefrühstückt, es ist ja auch schon das 11. Impro-Festival! Wenn man immer dieselbe Truppe einlädt, ist das ja witzlos. Und wenn sich das jeweilige Ensemble schon einen Namen gemacht hat, geht man auch kein Risiko ein. Bisher hat das immer gut geklappt. Klar weiß man nie, was passiert, aber das weiß man bei Impro ja eh nicht und das ist auch das Spannende.

Pfeil „Probst“ du mit deinem Ensemble?

Lars Wätzold: Wir proben, wenn wir ein neues Format spielen wollen. Vor allem, wenn wir eins erfinden. Zum Beispiel kam ja vor Jahren Bollywood auf. Und wenn man das Publikum nach einem Genre fragt und die Zuschauer verlangen Bollywood – dann muss man sich so einen Film wohl oder übel mal angucken, damit man es auch richtig macht. Wir analysieren das dann zusammen. Manchmal schlafen bestimmte Formate auch ein, die laufen nicht mehr so gut. Dann merken wir, dass wir wieder dran arbeiten müssen. Ich würde sagen, wir „proben“ so drei Mal im Jahr. Die beste Probe ist aber ein funktionierendes Sozialgefüge. Wir sind ja nicht nur Kollegen, sondern vor allem Freunde. Das ist wie so ’ne Viererehe!

Pfeil Ihr habt vor fast 20 Jahren angefangen, Impro-Theater zu spielen. War es schwer, diese unbekannte Form zu etablieren?

Lars Wätzold: Nö. Wir hab ’97 unsere erste Show gespielt, hier im Lumière und die war direkt ausverkauft. Auch die folgenden Vorstellungen. Impro-Theater war in Deutschland zwar noch relativ unbekannt, aber das kam genau in der Zeit auf, das war so ein richtiger Trend. Die meisten Impro-Truppen, zum Beispiel „Die Gorillas“, „Fastfood“, „Steife Brise“, haben sich alle Ende der Neunziger gegründet und die gibt’s auch heute noch.

Pfeil Wie bist du auf den Trend gekommen?

Comedy Company: "Freestyle-Comedy"Lars Wätzold: Damals hab‘ ich im Thop als Regisseur gearbeitet und bei einem Treffen mit den anderen Gruppenleitern kam zum ersten Mal dieses faszinierende, neue Format namens „Impro-Theater“ auf. Wir haben uns damit befasst und einen Tag lang „geworkshopt“. Und der einzige, der das geil fand – war ich. Man braucht ja nix dafür! Keinen Text, keine Requisiten, nix, du legst einfach los! Und das haben wir dann auch zu acht gemacht, ein gutes Jahr lang. Irgendwann waren wir zu fünft und seit zwei, drei Jahren sind wir zu viert. Übrigens wird das auch so bleiben, wir rekrutieren keine Neuen. Wir sind wie eine Familie und wir werden zusammen alt. Auch mit unserem Publikum. Nebenbei, das Wort „Impro“ benutzen wir gar nicht mehr, das ist so 90er. Wir sind ein richtiges Theater und wir würden selbst von uns sagen, dass wir Freestyle-Comedy machen. Denn Improvisation entwickelt sich ja auch weiter.

Pfeil Was sagst du zu dem Spruch, eine Truppe sei immer nur so gut oder kreativ wie ihr Publikum?

Lars Wätzold: Nicht unbedingt so kreativ, aber das Publikum spielt ja eine entscheidende Rolle, nicht nur weil es die Hinweise für den Plot gibt, sondern weil es auch die Stimmung auf der Bühne bestimmt. Wenn wir zum Beispiel so ein typisches Samstagabend-Publikum haben, dann machen wir auch mehr Gagging, ist ja klar. Der Boden ist fruchtbar, daraus wird so ein Geben und Nehmen. Wenn im Saal eher ein Theaterpublikum sitzt, dann herrscht mehr Ruhe, dann entsteht auch mal Tiefe in den Szenen und ich hab‘ da auch schon ein paar echte Tränen auf der Bühne laufen sehen. So was find‘ ich auch ganz spannend, da spürt man, dass alle einen Kloß im Hals haben.

Pfeil Was genau macht denn den Unterschied zwischen klassischem Theater und Impro-Theater aus?

Lars Wätzold: Das verhält sich ungefähr so wie ein klassisches Sinfonieorchester zu Jazz. Ich find’s immer spannend, wenn jemand dabei ist, der klassisch ausgebildet ist und als Schauspieler arbeitet oder gearbeitet hat und dann auch oder trotzdem Impro macht. Und Impro-Theater ist für alle von 10 bis 100 Jahren guckbar. Unser Publikum im Lumière wird übrigens auch immer gemischter. Es sind nicht mehr nur Studenten und wir sind ja auch schon lange keine Studenten mehr. Mittlerweile bringen die Leute ihre Kinder mit oder man sieht ganze Schülergruppen! Das ist richtig, richtig toll.

Pfeil Was machst du denn noch so neben dem Impro-Theater?

Lars Wätzold: Ich hab‘ vor zwei Jahren mal wieder Regie auf der Bühne geführt und zwar bei der Weststadtrevue. 2001 haben wir das Stück schon mal aufgeführt und die Handlung von 2011 spielt tatsächlich auch zehn Jahre später. Das hat total Spaß gemacht! Und Filme mache ich immer wieder, mindestens einen pro Jahr. Momentan drehe ich mit Thomas „Tokio“ Kirchberg von Surf Cut einen Kinotrailer für Northeim zur Europawahl. Das ist auch sehr spannend, herauszufinden, wie man so einen Film bauen kann, damit der auch ankommt. Und Kommunikationstraining mache ich auch viel gerade. Impro-Theater wäre mir also tatsächlich zu wenig. So eine Show im Lumière macht einen Riesenspaß, aber davon kann man kein Haus abbezahlen. Naja, andere Leute gehen kegeln, ich geh‘ samstags ins Lumière und spiele eine Show. Und wenn die richtig gut war, dann zehre ich auch davon. Das hat so was Kathartisches, wie so eine Selbstreinigung, was Therapeutisches quasi. Dann hab‘ ich noch tagelang gute Laune und muss immer wieder lachen, wenn ich dran zurück denke! Stern

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