Seit fast zehn Jahren ist das Berliner Trio Grossstadtgeflüster auf Bühnen unterwegs – quer durch die Republik. Immer noch gelten sie als Geheimtipp. Vielleicht nicht mehr lang, denn ihr viertes Studioalbum „Oh, ein Reh“, erscheint am 24. Juni auf einem Major-Label: archaisches Syntheziser-Geballer mit teils schnoddrigen, teils weichgespülten Gesang. Nun spielten sie in der Musa, heizten ein und präsentierten alte und bald erscheinende Stücke.

Interview Pfeil 2006 kam der Durchbruch mit „Ich muss gar nichts“, der Song traf irgendwie einen gewissen Nerv: rotziger Text mit Punk-Attitüde auf elektronischen Beats – damals war das neu. Hat sich die Attitüde oder der Sound verändert?

Raphael: Bereits auf dem ersten Album klang jeder Song anders. „Ich muss gar nichts“ war nie stellvertretend für den Sound einer Platte von uns – tatsächlich haben wir nie wieder ein Lied gemacht, was genauso klingt oder sehr ähnlich – wir versuchen immer wieder, alles neu zu erfinden.

Jen: Wobei die Attitüde, die hinter dem Song steht: ein aus der Hüfte geschossener Text auf spaßigen Synthiesounds, das wird man im- mer bei uns finden, da wir keinen Gitarristen finden, der Bock darauf hat, immer mit uns unterwegs zu sein (allgemeines Gelächter).

Interview Pfeil „Oh, ein Reh“, heißt das neue Album. Auf dem Cover sieht man ein Ufo, ein Godzilla und links in der Ecke ein graues Reh. Was soll das bedeuten?

Chriz: Das ist ein Geheimcode, dahinter versteckt sich eine krasse Botschaft!

Raphael: Also, der Albumtitel war zuerst da – wir haben uns verschiedene lustige visuelle Umsetzungen zuschicken lassen – diese fanden wir dann am geilsten.

Jen: Ich glaube, es kam einfach so raus, genau wie der Albumtitel, der war einfach da und wollte zu uns und wir haben gesagt: „Hey, komm, wir nehmen dich in den Arm!“. Wir selber haben uns darüber gar nicht so viele Gedanken gemacht.

Chriz: Wenn du dir das Cover anguckst, siehst du, wie ein Zeppelin in den Boden gerammt wird und ein Godzilla darauf rumtanzt. Über- all passieren krasse Sachen und in der Ecke unten versteckt sich ein kleines Reh – wenn man dann sagt: „Oh, ein Reh“, heißt das, dass auch kleine Dinge wahrgenommen wurden.

Interview Pfeil Trefft ihr euch eigentlich zum Proben und jammt wie eine konventionelle Gitarrenband oder werkelt ihr jeweils alleine am Computer herum?

Raphael: Wir haben ein Motto: „Keine Macht den Proben“. Dem sind wir auch sehr treu. Deswegen sind war auch manchmal so reudig (allgemeines Gelächter). Nee, tatsächlich entstehen bei unseren Proben keine neuen Songideen; wir teilen uns quasi kommunemäßig ein Studio, schrauben und tüfteln herum – erst wenn wir eine Idee haben, dann gehen wir in den Proberaum.

Interview Pfeil Jen, wie kamst du auf die Idee, den Song „Ufos überm Fernsehturm“ zu schreiben?

Jen: Ach, das ist eine romantische Geschichte. Wir hatten ein Playback, ein Beat und eine Komposition, die ich ewig mit mir auf meinem Mp3-Player herumgeschleppt habe – das Ding wollte ich unbedingt machen und knacken. Auf meinem Nachhauseweg über die Warschauer Brücke von Kreuzberg nach Friedrichshain fahre ich immer am Fernsehturm vorbei. Da ich total Kopfkino affin bin – eine Mischung aus totaler Zappelphilipp und Träumer, ganz oft nicht so richtig da –, ging plötzlich zu der Musik das Kopfkino los und ich dachte mir: Schicksal – diese Zeile will auf den Beat!

Interview Pfeil Welchem Genre würdet ihr selbst eure Musik zu ordnen?

Raphael: „Über-Drüber-Pop“ sagen wir immer. Das hat damit zu tun, dass wir zum Größenwahn neigen, laut, anstrengend, aber auch total poppig sind.

Interview Pfeil Wie wichtig ist euch das Bühnenoutfit?

Jen: Es macht schon Spaß vor einem Konzert ganzheitlich in eine Bühnenfigur hinein zu schlüpfen, dazu gehört auch Verkleidung. Für unsere Musik gehört das dazu, es passt zum Konzept. Allerdings muss ich grundsätzlich sagen, dass manchmal Musik mit weniger auch mehr sein kann.

Raphael: Wir sind grell und laut – so müssen auch unsere Bühnenoutfits sein.

Interview Pfeil Wie kam der Deal mit Four Music zustande? Euer letztes Album habt ihr auf einem eigenem Label herausge- bracht.

Raphael: Die beiden vorherigen Alben haben wir alleine gemacht, wobei wir bei dem letzten von unserem Verlag unterstützt wurden. Four Music hat sich die Demos angehört und gesagt: „Sie wollen das machen“ – eine ganz klassische Geschichte!

Jen: Man muss noch sagen, dass der A&R, der uns die Wahnsinns-Chance gegeben hat, ein ganz langer Bekannter von uns ist, der schon unser erstes Demo, 2004, ganz am Anfang, auf den Tisch hatte und uns seitdem ein bisschen beobachtet – er ist sozusagen ein Freund der Familie. Wir haben uns dann unglaublich gefreut, dass die Bock auf uns hatten, da Four Music der einzige Laden ist, auf den wir wirklich Bock hatten.

Interview Pfeil Ihr spielt in nächster Zeit viele Gigs! Könnt ihr gut von der Musik leben?

Raphael: Es ist eher ein Tretboot als eine Yacht.

Jen: Aber wir brauchen ja auch nicht vielmehr als ein Tretboot, um glücklich zu sein. Besitz bindet einen ja. Ich habe immer das Gefühl, je mehr ein Mensch besitzt, desto mehr Angst hat er, seinen Besitz wieder zu verlieren. Vielleicht liegt das Geheimnis des Freiheitsgefühls darin, nicht zu viel zu besitzen – aber ein Dach über dem Kopf und immer genug zu fressen und zu trinken zu haben, gibt es schon; ich muss nicht an meinen Fingernägeln kauen.

Interview Pfeil Stellt euch vor, Dieter Bohlen würde bei euch anklopfen und sagen: „Ich bring euch groß raus. Es gibt jedoch eine Bedingung: Ich habe Einfluss auf den Sound!“ Wie würdet ihr reagieren?

Chriz: Ich würde das sofort machen, dass wäre das witzigste Unterfangen aller Zeiten – ich würde die Platte KLF-mäßig verbrennen, noch bevor sie rauskommt.

Interview Pfeil Würdet ihr einen Job in der DSDS-Jury ausschlagen?

Raphael: Natürlich würden wir das ausschlagen!

Jen: So was würden wir nicht annehmen, allerdings muss ich sagen, dass solche Fragen immer leicht zu beantworten, wenn man nicht in so einer Situation steckt. Zum jetzigen Zeitpunkt, so wie ich jetzt bin und die Welt tickt, würde ich erst zusagen, wenn man mir hoch und heilig verspricht, dass es dann Weltfrieden gibt und alle gleichviel zu essen und zu trinken haben.

Interview Pfeil Habt ihr irgendeinen Bezug zu Göttingen, wart ihr schon mal hier?

Raphael: Ja, im Exil haben wir schon mal gespielt, da bin ich vom Stuhl gefallen! Weißt du noch (Blickt zu Jen)? Ich springe gerne während eines Auftritts beim Einsatz des Refrains auf meinen Hocker auf der Bühne. Und dann stand da der Barhocker, und ich dachte mir, alter heute! Ich habe einen zwei Meter Sprung hingelegt, doch blöderweise ist während des Sprungs der Barhocker weggerutscht – ich natürlich auch!

Über den Autor

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.