Schorsch Kamerun, der Sänger der Hamburger Punkband „Die Goldenen Zitronen“, ist derzeit mit seinem Solo-Album „Der Mensch lässt nach“ auf Tour. Seit einigen Jahren ist er zudem als Theaterregisseur tätig und arbeitet für diverse Schauspielhäuser. Auf seinem neuen Album werden Fragmente aus seinen Theater-Stücken verarbeitet. Kameruns markanter Gesang wird durch bedrohlich, schräge Klaviermelodien und Synthie-Sphären unterstützt. Nun trat er in der Musa auf.

Pfeil Seit einigen Jahren inszenierst du Theaterstücke an diversen Schauspielhäusern. Ursprünglich stammst du aus der Punk-Szene und bist ja immer noch Sänger der „Goldenen Zitronen“. Handelt es sich um zwei Welten, die aufeinander treffen, oder kann man die Welten als bereits verschmolzen ansehen?

Kamerun: In meinem Fall fühlt es sich auf der Theaterbühne gar nicht so viel anders an, als wenn ich mit den „Zitronen“ auf Tour bin. Man denkt immer, dass sich ein super hochkultureller Rahmen aufmacht, sofern man etwas am Theater macht – das muss allerdings gar nicht sein. Die Situation ist anders, andere Mittel stehen zur Verfügung: Zum Beispiel bekommt man einen Proberaum bezahlt und die Gruppe wird finanziert, das ist schon luxuriös. Beim Publikum kann es allerdings schon zu Missverständnissen kommen. Zum Teil spiele ich vor einem Abonnenten-Publikum, die in jedes Stück gehen – die erwarten etwas, das ich ihnen nicht liefere. Im Allgemeinen sind mir jedoch die Themen, die in den Theatern behandelt werden, häufig näher als die der popkulturellen Umgebung – oder hätte ich heute lieber bei der Echo-Verleihung sein sollen? Der popkulturelle Raum ist ja nicht schlauer geworden über die Jahre, aber in autonomen Jugendzentren spielen wir noch nach wie vor.

Pfeil Die Texte deines Albums „Der Mensch lässt nach“ sind aus Fragmenten deiner letzten Arbeiten am Theater entstanden. Wie soll man sich das vorstellen?

Kamerun: Ich höre Leuten zu, dokumentiere es und schneide Fetzen heraus – mache eine Collage zu einem bestimmten Thema. Thematisch versuche ich dabei, immer aktuell und zeitgemäß zu sein. Häufig führe ich Interviews mit den Leuten, mit denen ich zusammenarbeite: teils Musiker, teils Schauspieler, von überall herkommende Leute. Aus diesen Gesprächen entstehen dann die Texte. Es soll nicht so sein, dass man sagt: Hier habe ich das Thema „Selbstverwirklichung“ oder „Subjektivierung“ und man versucht darüber zu schreiben. Es entsteht eine Interview-Collage, bei der die Autorenschaft verhindert werden soll. Bei den „Zitronen“ wurde auch schon öfter diese Technik verwendet, etwa bei „Mila“. Diese Textform ist auch ganz bewusst so gewählt, da in der heutigen Zeit die Eindrücke schnell wechseln: In einem Moment empfindet man ganz groß, im Moment kurz darauf ganz klein. Ich glaube, wir empfinden heutzutage die Welt als Collage. Das war mal anders – früher hatte man einen anderen Rahmen: eine Autorität und einen Hof; heute musst du beides zugleich seien. Früher fiel den Menschen die Identifikation sicherlich leichter, heute hat man zum Teil nicht mal mehr einen konkreten Gegner, es ist alles viel subtiler geworden. Es entwickelt sich eine multi-komplexe Identität, die häufig in Erschöpfung mündet – aber das ist ein ziemlich komplexes soziologisches Thema.

Pfeil Bist du der Überzeugung, dass politische Texte und Stücke die Zuhörer und Zuschauer verändern können? Meinst du, deine Lieder regen den Hörer an, umzudenken?

Kamerun: Kann ich nicht sagen. Den Anspruch zu haben, wäre übertrieben. Aber ich bin ja selbst durch Kunst politisiert worden: Das britische Punkrockkollektiv „Crass“ hatte mich damals abgeholt, die haben damals den Film gefahren, dass es keine Hierarchien in der Gruppe gibt usw.. Ich denke, auch heute kann man noch politisch „abgeholt“ werden, dennoch schafft Kunst nicht unbedingt Bewegung. Neulich habe ich mich allerdings gefreut – ein paar Leute, die bei einem Theaterstück von mir mitspielten, haben selbst einen kleinen Laden aufgemacht. Ich denke, Kunst muss Kommunikation sein und so habe ich es auch damals erlebt. Punk bot mit den Leitmotiven „das kannst auch du“ und „jeder kann auf die Bühne gehen“ eine gute Plattform.

Im Allgemeinen sind mir Themen, die in den Theatern behandelt werden, näher als die der popkulturellen Umgebung.

Pfeil Mit den „Zitronen“ wart ihr in den Anfangsjahren gemeinsam mit den „Toten Hosen“ auf Tour – ihr habt jedoch einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Gibt es heutzutage noch etwas, das euch verbindet oder lebt ihr in komplett verschiedenen Welten?

Kamerun: Grundsätzlich lebt niemand in einer komplett verschiedenen Welt, so etwas gibt es gar nicht. Ansonsten kann ich sagen, dass ich mit den „Toten Hosen“ richtig gut befreundet bin, aus einer alten Freundschaft heraus. Die machen etwas ganz anderes als die „Zitronen“ und wollen auch etwas anderes machen, aber das wäre mir jetzt zu privat, zu erklären, weshalb ich das gut finde, mich mit ihnen zu treffen – das sind halt uralte Freunde, mit denen ich mich gerne treffe, aber zu ihren Konzerten in die riesigen Hallen gehe ich nicht gerne.

Pfeil Ihr weigert euch, eure alten Lieder zu spielen, Stichwort „für immer Punk“. Schämt ihr euch für eure eigenen Lieder?

Kamerun: Es ist so, als wenn du dir eine alte Hose anguckst und sagst: „Die würde ich heute nicht mehr anziehen, die gefällt mir nicht mehr so!“ Ich schäme mich nicht dafür, allerdings fremdelt es mich manchmal ein bisschen. Ich hätte nicht einmal so richtig was dagegen, den alten Kram wieder zu spielen; allerdings ist es offensichtlich, dass wir nach anderen Dingen suchen.

Pfeil Heutzutage wäre es doch eigentlich ein heftiger Bruch, wenn der „Theater-Kamerun“ die alten „Zitronen“-Stücke wieder spielen würde?

Kamerun: Ich bin da – wie gesagt – entspannt, ich könnte das schon machen, stellt sich allerdings die Frage: Warum soll ich das machen? Ein Bruch ist nicht gut, nur weil es sich um einen Bruch handelt. Es wäre ein Bruch um des Bruchs willen, es wäre lediglich ironisch. Sofern etwas nur ironisch ist, finde ich das ein bisschen langweilig.

Pfeil Des Öfteren konnte man von euch lesen, dass ihr damals den Spaß-Punk mit der „Punkrock“-Platte verlassen habt, da zu viele „Bierzelt-Prolls“ auf den Konzerten waren.

Kamerun: Das stimmt schon. Zwar will ich diese besagten Personen nicht werten oder denunzieren, damals entstand jedoch eine Atmosphäre, die ich nicht interessant fand. Es standen nur noch Typen vor der Bühne, die mit freiem Oberkörper einen Treter-Pogo tanzten – das fand ich einfach kacke. Dagegen ist heutzutage ein „Tote Hosen“-Konzert entspannter, da es familiärer ist. Man denkt ja immer, zu „Tote Hosen“-Konzerten kommen nur Bundeswehr-Prolls – obgleich dieses Wort ja schon wertend und falsch ist –, das stimmt ja gar nicht mehr.

Ein Bruch ist nicht gut, nur weil es sich um einen Bruch handelt.

Pfeil Was war das dramatischste Erlebnis in diese Richtung?

Kamerun: Naja, es gab einige Erlebnisse, bis hin dazu, dass man sich fast geprügelt hat. Die Leute, die zu den Konzerten kamen, waren ja immer enttäuscht. Man steht auf der Bühne und sagt denen: „Das, was ihr wollt, machen wir nicht!“ Es ist immer ein bisschen schwierig, der Spielverderber zu sein. Auf der anderen Seite muss man als Künstler keine Erwartungshaltungen erfüllen – das interessiert mich nicht. Ich versuche immer etwas anderes zu machen, mit ausgesprochen wechselhaften Erfolgen. Auch meine aktuelle Platte hätte man ein bisschen größer aufziehen können.

Pfeil Ich habe den Eindruck, die letzten „Zitronen“-Alben „Lenin“ und „Entstehung der Nacht“ sind wieder etwas zugänglicher geworden. Im Gegensatz zu den zu vorigen „Economy Class“ oder „Deadschool Hamburg“?

Kamerun: Für dich! Was soll ich dazu sagen! Man macht, was man macht. Es gibt ein paar Leute, für die ist alles ganz klar. Im Theater ist das übrigens noch schlimmer: Die eine Hälfte ist richtig begeistert, die andere Hälfte überhaupt nicht. Wenn Leute auf ein „Zitronen“-Konzert gehen, dann wissen sie ja mittlerweile, was sie erwartet, anders im Theater.

Pfeil Eine Zeit lang haben die „Zitronen“ aber einen ganz bewussten Bruch gewählt.

Kamerun: Ja, weil wir wirklich kein Bock mehr darauf hatten, wie es sich entwickelte. Wir wollten auch die Größe nicht: Ab 1500 Leuten wollten wir das nicht erleben, da hatten wir keinen Bock drauf. Wir sind auf Tour gefahren, um Leute kennen zu lernen, nicht um irgendetwas abzuliefern und schnell weiter zu fahren. Natürlich lernt man unter solchen Umständen auch Leute kennen, es ist allerdings nicht dasselbe. Ich weiß noch, als wir das erste mal einen Tour-Manager hatten, dass war einfach kacke.

„Es ist immer ein bisschen schwierig, der Spielverderber zu sein. Auf der anderen Seite muss man als Künstler keine Erwartungshaltungen erfüllen.“

Pfeil Was war an einem Tour-Manager verkehrt?

Kamerun: Der hat dafür gesorgt, dass bestimmte Leute nicht rein kamen, das ist nach meiner Auffassung einfach kacke!

Pfeil Auf Spiegel Online ist ein Bericht über dich von Jürgen Teipel. Demnach ist für dich der wichtigste Termin des Jahres das Hafenfest in Timdorferstrand. Ist das wahr? Stehst du alljährlich zwischen den Feuerwehrleuten und quatscht vergnügt beim Bier?

Kamerun: Ja, das stimmt. Ich komme ja daher. Früher war das eine No-Go-Area für mich, mittlerweile habe ich daran einen gewissen Spaß. Vielleicht ist es Eskapismus, ich weiß es nicht. Und es hat etwas Vertrautes: Familie usw.. Ich stehe herum, quatsche und muss mich mit den Leuten nicht mehr so reiben wie früher, man kann da irgendwie untertauchen. Zwar reden die Leute teilweise Scheiße und hinterher ärgert man sich, aber im Allgemeinen interessiere ich mich für Volksfeste: Ich finde Karneval spannend, auch das Oktoberfest – der Tribe kann ganz interessant sein. Selbstverständlich gibt es einige Riten, die ich ablehne.

Pfeil Auf Amazon wird von dir ein Buch unter dem Titel „Unten wird über Identitätsprobleme nachgedacht und oben brennt der Hut“ angekündigt. Erscheinungsdatum sollte laut Amazon der 15. September 2012 gewesen sein. Wann können wir es erwarten?

Kamerun: Ja, dass habe ich noch längst nicht fertig. Zum Glück habe ich nichts unterschrieben – es wird schon kommen, irgendwann.

Pfeil Wann können wir mit einem neuen „Zitronen“-Album rechnen?

Kamerun: Eigentlich wollen wir noch dieses Jahr, wir sind da dran.

Pfeil Hast du irgendeinen Bezug zu Göttingen?

Kamerun: Wir haben hier schon mehrfach gespielt, bei irgendwelchen politischen Anlässen. Stern

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