Chad Urmston, Brad Corrigan und Pete Francis Heimbold sind Mitglieder der Band Dispatch, der amerikanischen Indierockband ohne Frontmann, deren Mitglieder alle Songs selbst schreiben und spielen und sich als „die größte Band, die keiner kennt“ bezeichnen. LEBEN 37 hat sie in Lingen (Ems) vor ihrem Auftritt im Alten Schlachthof getroffen und sich mit ihnen unterhalten. (Fotos)

Interview Pfeil Ihr hattet euch 2004 ursprünglich getrennt, 2007 und 2009 aber zwei sehr erfolgreiche Konzerte gegeben, 2011 mit Dispatch EP eure erste Single seit langem und erst 2012 mit „Circles Around the Sun“ ein Studioalbum herausgebracht. Wie kam es, dass ihr euch dann doch wieder als Band zusammenfandet?

Pete: Ende der 90er Jahre wussten wir irgendwie alle, dass wir keine Lust mehr auf Musikmachen und Reisen hatten. Hinzu kam noch, dass unsere Freundschaften so ziemlich am Ende waren. Deswegen trennten wir uns nach unserem letzten Auftritt im Jahr 2002. Abgesehen von den drei Konzerten, die wir bis 2011 gaben, hatten wir dann aber alle endlich Zeit und Luft, um eigene Alben aufzunehmen und unsere Soloprojekte durchzuziehen. Als uns dann Ende 2010 auffiel, wie sehr wir es eigentlich vermissen, gemeinsam Musik zu machen, war es wie eine Wiedergeburt: Wir hatten plötzlich wieder ganz viel Spaß zusammen.

Interview Pfeil Diesen Spaß kann man deutlich auf eurem neuen Album erkennen, für das ihr alle Songs geschrieben habt. Ihr seid bekannt für eure aussagekräftigen Texte. Haben denn die Songs des neuen Albums ein gemeinsames Motto?

Pete: Unsere Texte sind zwar aussagekräftig, aber Brad trifft es so ziemlich am besten, wenn er sagt, dass die Interpretation der Texte immer auch Sache des Publikums sei und sie sie verstehen können, wie sie wollen. Eine Gemeinsamkeit der Songs auf dem neuen Album ist sicherlich, dass alle etwas mit dem Titel „Circles Around the Sun“ zu tun haben: Es verband in uns das Gefühl, auf einer musikalischen Reise zu sein. Es ist im Grunde egal, ob es ein Brad-Song, ein Chad-Song oder einer meiner Songs ist – durch unsere Zusammenarbeit hatten wir einfach das Gefühl, auf einer Reise um …

Interview Pfeil … um die Sonne zu sein?

Pete: In diesem besonderen Fall war es die Sonne. Der Titel unseres nächsten Albums ist jedoch Circles Around Saturn – Unsere Themen sind eher interplanetar.

Chad: Wir würden unsere Reiseroute als kreis- oder ringförmig beschreiben, wie beispielsweise das System der Saturnringe.

Pete: Oder wie die der Jupitermonde.

Interview Pfeil In den USA spielt ihr mittlerweile vor mehr als 100.000 Menschen. Anfangs habt ihr euch noch sehr überrascht von der Größe eures Publikums gezeigt. Wie sind in dieser Hinsicht eure Erwartungen für Europa?

Brad: Tja, obwohl wir es tatsächlich mittlerweile gewohnt sind vor sehr vielen Menschen zu spielen, haben wir hier geringere Erwartungen. Wir sind in Lingen. Ich schätze, wir sollten uns eher auf ein paar hundert Zuschauer einstellen. Aber man weiß ja nie.

Chad: Wie zum Beispiel heute: Glaubst du, es werden Millionen von Zuschauern kommen?

Interview Pfeil Wohl eher nicht – was aber natürlich nicht an euch, sondern an der Größe des Raumes liegt.

Chad: Ah, der Raum ist schuld? Nett, dass du das sagst (lacht).

Interview Pfeil Europa ist also als der Kontinent des kleinen Publikums. Wie kam es dazu, dass ihr schließlich vor zwei Jahren zum ersten Mal nach Europa gekommen seid?

Brad: Warum?! Wegen des Käses: Es gibt hier einfach den besten Käse, den ich jemals gegessen habe. Und das Brot ist unfassbar gut! TIDAYFAH („to die for“, Anm. d. Verf.) – eine neue Broterfahrung.

Chad: Wir lieben Brot und Käse.

Pete: Und wir lieben die Menschen: Sie behandeln uns so niedlich und warmherzig.

Brad: Es ist natürlich auch äußerst cool, neue Abenteuer zu erleben.

Chad: Es ist wahnsinnig spannend aus dem Fenster zu blicken und sich im wahrsten Sinne des Wortes fragen zu können, wo man gerade ist. Genauso genießen wir es, aus dem Bus auszusteigen und viele tolle Fans zu treffen, von denen manche seit 15 Jahren zwar unsere Musik hören, uns aber noch nie haben spielen sehen. Gut, es ist natürlich auch cool zuhause zu touren, aber wenn man eben immer wieder in den gleichen Städten landet, ist dagegen das hier ein besonders spannendes Erlebnis.

Interview Pfeil Ihr seid jetzt zum dritten Mal in Europa und teilweise auch schon zum wiederholten Male an denselben Orten. Kommt euch dieser Kontinent so langsam bekannter vor? Habt ihr Favoriten?

Brad: Hm, ja, irgendwie.

Pete: Ein paar Städte stechen sicher heraus, wie beispielsweise Amsterdam, Berlin, Hamburg.

Chad: Aber in Europa ist generell immer noch alles sehr, sehr neu für uns.

Pete: Ich denke, die Tatsache, dass Europa noch so neu für uns ist, macht es umso aufregender neue Straßen und Gegenden zu erkunden. Da unser Zeitplan auch dieses Mal wieder so eng war, kann ich nur hoffen, dass wir irgendwann mal mit mehr Zeit nach Europa kommen und uns ein paar freie Tage gönnen können, um Städte wie Hamburg, Frankfurt, München, Berlin wirklich zu erleben. Sonst ist es nämlich immer eher so, dass wir einfahren, aus dem Bus aussteigen, unseren besten Freund Nick Day nach dem Wetter fragen, Soundcheck machen, auftreten, wieder in den Bus steigen und in die nächste Stadt fahren. Ich habe den Eindruck, dass ich – abgesehen vom Wetter – nie wirklich etwas von der örtlichen Kultur mitbekommen habe.

Brad: Falls ich eines Tages verheiratet sein sollte, werde ich auf einer dieser romantischen Reisen durch Europa all diese Städte in Ruhe besuchen.

Pete: Man muss sich das so vorstellen: Obwohl ich nachweislich an all diesen Orten war, kommt es mir irgendwie so vor, als ob es nie wirklich passiert wäre.

Interview Pfeil Kann es sein, dass dieses Gefühl, nie da gewesen zu sein, etwas mit der im Grunde unverzichtbaren Routine rund um eure Auftritte und die immer gleiche Perspektive von der Bühne herunter zu tun hat?

Pete: Ja, ganz klar. Bühnen ähneln sich tendenziell, wobei sich kleine Clubs vielleicht mehr voneinander unterscheiden. Ich denke aber auch, dass es im Endeffekt hauptsächlich auf die Energie des Publikums ankommt und die Bühne dabei so ziemlich egal ist.

Chad: Das Gefühl, das man bei einem Auftritt hat, kann sich komischer Weise sogar von Mal zu Mal verändern. Ein Beispiel hierfür hatten wir gestern Nacht in Amsterdam, wo es sich trotz der vermeintlich gleichen Location völlig anders anfühlte als beim letzten Mal.

Pete: Es sind eher die großen Massen, die Gefahr laufen, sich irgendwann auf eine gewisse Art und Weise in den Erinnerungen zu vermischen. In kleineren Clubs dagegen gibt es mehr von dieser speziellen, definierenden und einmaligen Energie des Publikums, die man nicht mehr vergisst.

Interview Pfeil Worin unterscheiden sich europäische von amerikanischen Fans?

Pete: Ich denke, ein gutes Beispiel sind die Gespräche nach den Konzerten; die Art und Weise, wie die europäischen Fans dich anschauen und was sie über die Songs denken und sagen, unterscheidet sich vollkommen von dem, wie sich ein Amerikaner dir gegenüber nach einem Konzert verhalten würde. Diese unterschiedliche Herangehensweise hat vielleicht auch viel damit zu tun, dass unsere Fans in den USA die gleiche Sprache sprechen wie wir, wohingegen unsere Fans hier versuchen müssen, ihre Meinungen und Gefühle zu unserer Musik in einer für sie fremden Sprache auszudrücken.

Chad: Ja, dieser Versuch macht es noch mal exotischer für uns – vor allem die europäischen Akzente sind faszinieren!

Brad: Absolut faszinierend!

Chad: Und unsere europäischen Fans scheinen sehr dankbar zu sein, das wir sie endlich mal besuchen kommen.

Interview Pfeil Als Band gibt es euch seit den 90ern Jahren. Auf dem College habt ihr wahrscheinlich meist vor Gleichaltrigen gespielt. Wie ist es heute mit dem Alter eures Publikums? Altern eure Fans mit euch?!

Chad: Ich würde sagen, dass das Publikum heute meistens jünger ist als wir. Der Altersdurchschnitt ist vermutlich weitestgehend gleich geblieben und hat sich vielleicht sogar ein wenig verbreitert: Früher war unser Publikum gewöhnlich Anfang bie Mitte 20, heute sind die meisten zwar immer noch im typischen Ausgehalter, so zwischen 18 und 24, aber dazwischen finden sich auch immer ein paar Leute in unserem Alter. Oft bringen die Kinder auch ihre Eltern mit. Das Publikum ist insgesamt gemischter geworden.

Pete: Mir fällt da ein Beispiel aus dem Nordwesten der USA ein: Erinnert ihr euch an Seattle und Portland? Die waren alle älter.

Chad: Ja, die waren alle so um die 30.

Brad: Es ist schon ganz witzig, dass wir mittlerweile so generationenübergreifend bekannt sind.

Interview Pfeil Das Besondere an eurer US-weiten Beliebt- und Bekanntheit ist auch, dass ihr berühmt geworden seid, ohne dafür die professionelle Hilfe einer großen Plattenfirma in Anspruch genommen zu haben. Hofft ihr, eure Bekanntheit in Europa auf eine ähnliche Art und Weise zu verfestigen?

Chad: Ja, wir wüssten es gar nicht anders.

Brad: Wir sehen es so, dass wir in Europa praktisch bei Null anfangen.

Pete: In der Tat. Ich denke, wir hoffen darauf, bald auch hier vor größerem Publikum zu spielen, wie zum Beispiel gestern in Amsterdam. Es kam uns zumindest von der Bühne so vor, als ob da tatsächlich ein paar Leute mehr gewesen waren.

Interview Pfeil Plant ihr, nächsten Sommer auf europäischen Festivals zu spielen?

Pete: Ob diesen Sommer, weiß ich nicht, aber vielleicht im darauf folgenden.

Chad: Wir haben leider schon eine Festivaltour in den USA, die mit den hiesigen Daten kollidieren würde. Wir waren aber schon einmal auf dem Highfield-Festival. Ich fand es super, dass es auf dem Gelände dort diesen See gibt.

Brad, Pete: Oh ja, das war toll. Festivals sind einfach das Beste.

Interview Pfeil Woran denkt ihr bei deutschen Fans?

Pete: Daran, dass sie wirklich sehr, sehr treu und äußerst leidenschaftlich sind. Sie wirken als ob sie, wenn sie sich einmal für Dispatch entschieden haben, uns immer treu bleiben werden. Sehr sweet!

Chad: Sie sind nicht so anspruchsvoll und haben statt dieser „Wir sind zu cool für dies oder das“- eher eine „Wir sind hier um Spaß zu haben“-Einstellung, die außergewöhnlich positiv  ist.

Brad: Sie sind wirklich sehr treue Fans.

Interview Pfeil Vielen Dank für das Interview. Interview Ende 

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