Angefangen hat FlowinImmo gemeinsam mit Ferris MC in der Formation F.A.B., die bereits im Jahre 1994 ihr Debütalbum herausbrachte. Im Jahre 1997 trennte sich die Gruppierung, fortan gingen sie ihrer eigenen Wege. Mit „Geschlossene Gesellschaft“ präsentiert FlowinImmo sein fünftes Soloalbum. Ein ungewöhnlicher und zugleich interessanter mehrjähriger Entstehungsprozess verbirgt sich dahinter. Das Album wurde – der Zeit entsprechend – über Crowdfunding finanziert. Am 29. Juni war FlowinImmo Gast beim Poetry Slam im Jungen Theater in Göttingen. Leben 37 nutzte die Gunst der Stunde, sich mit ihm über das Album, psychische Erkrankungen und die Vergangenheit zu unterhalten.

Wie ist eigentlich das Album Geschlossene Gesellschaft entstanden?

FlowinImmO: Die Instrumentale habe ich während des Absturzes von der Manie hin zur Depression zurückgezogen in Österreich aufgenommen. Das war nach dem Bundesvision SongContest 2009. Zuvor, während meiner manischen Phase, hatte ich mich mit sämtlichen Leuten angelegt und sie beleidigt. Und dann war ich längere Zeit mit meiner Depression beschäftigt und konnte keine Texte schreiben. Diesen Knoten konnte ich allerdings 2013 lösen, indem ich mich bei Leuten entschuldigt und um Verzeihung gebeten habe. Das hat mir wieder den Mund geöffnet und ich habe vier Jahre später die Texte zu den Instrumentalen geschrieben.

Das machst du auch auf dem Track Reue“ deutlich. Der Track stellt ja im gewissen Sinne eine Entschuldigung dar. Was hast du eigentlich den Leuten in deiner manischen Phase angetan?

FlowinImmO: Ich habe Leute verbal abgeschlachtet und ihnen ins Gesicht geschrien, dass sie aufhören sollen zu atmen. Allgemein fielen viele Schimpfwörter in diesen Phasen. Ich habe vielen Leuten Leid zugefügt, obwohl sie rückblickend betrachtet nur Windmühlen für die Konflikte waren, die ich seit langem mit mir herumschleppte. Ich habe es bereut diesen Leuten Leid zugefügt zu haben. Und diese Last musste ich loswerden. Das hat mich dazu bewegt, mich zu entschuldigen. Das hat mich eine Menge Überwindung gekostet.

FlowinImmoDu sprichst ja offen über deine Depression – hast du einen Weg gefunden, wie du damit in Zukunft umgehen wirst?

FlowinImmO: Den Weg suche ich gerade. Ich gehe damit in die Öffentlichkeit, da ich als Musiker eine öffentliche Person bin. Meine bisherigen Eskapaden und Ausflüge hatten bereits damals in der Hip-Hop-Szene die Runde gemacht: „Immo ist verrückt geworden!“, oder „Immo wurde eingewiesen!“ Daher war es jetzt ein sinnvoller Schritt, die Karten auf den Tisch zu legen und mir da bewusst reingucken zu lassen. Ich möchte daraus lernen und einen anderen Weg weiter gehen, anstatt das zu wiederholen, was bisher war.

Was hältst du von medikamentösen Behandlungen?

FlowinImmO: Ich habe nur einmal damit Erfahrungen gesammelt, das war 2011. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon lange depressiv und ich dachte mir: Jetzt gehst du da mal hin. Die Antwort hieß dort allerdings: Schublade auf und „Jetzt nehmen sie mal dieses Mittel hier, dann wird es ihnen bald besser gehen.“ Ich habe das ein paar Wochen ausprobiert, dann allerdings wieder aufgehört. Ich möchte einen anderen Weg finden. Ich möchte nicht die Symptome bekämpfen, sondern die Ursache verändern. Ich möchte keine Mittel nehmen. Das kann man unterschiedlich sehen – jedes Einzelschicksal ist ein anderes. Doch ich glaube daran, dass man das Bewusstsein verändern kann. Die Pillen sind gut dafür, dass man in der Gesellschaft funktioniert und nicht auffällt. Allerdings kann man auch die Frage stellen, ob nicht auch die Gesellschaftsform, in der wir leben, für psychische Erkrankungen verantwortlich ist.

Das Album Geschlossene Gesellschaft wurde über Crowdfunding finanziert – wie kam es dazu?

FlowinImmO: Ich habe bereits mein erstes Soloalbum „Terra π“ über den Vertrieb Groove Attack selbst herausgebracht, ebenso „Grenzenlose Freiheit“ und die EP „Jetzt“. Über die Jahre habe ich ein paar Platten auf diese Weise heraus gebracht, damit ich mich nicht irgendwelchen Marktanforderungen beugen musste. Zu diesem Gedanken bin ich dann zurückgekehrt, als ich 2013 mit dem Album fertig wurde. Allerdings war klar, dass ich dafür Geld bräuchte, was ich so nicht herumfliegen hatte. Dann habe ich mir gedacht, dass ich, bevor ich einen Vertrag unterschreibe und Kompromisse machen muss, schaue, ob ich mein Zielpublikum erreiche. Dadurch bin ich zum Crowdfunding gekommen.

Meinst du, dass das Konzept Crowdfunding eine Alternative für Musiker darstellt ihre Sachen herauszubringen?

FlowinImmO: Absolut! Ich will das gerne noch mal wiederholen. In meinem Fall war es ja so, dass ich mit der Produktion bereits fertig war. Es ging lediglich um die externen Dienstleistungen wie Mastering, Artwork, Promo und die Pressung der Tonträger. Ich brauchte das Geld dafür, um aus der fertigen Musik ein anfassbares Produkt zu machen.

Wie und wann bist du eigentlich zum Hip-Hop gekommen?

FlowinImmO: Mit acht Jahren durfte ich an das Schlagzeug von meinem Vater ran. Von acht bis achtzehn habe ich intensiv Schlagzeug gespielt. Und nach der zehnten Klasse, 1992 bis 1993, war ich ein Jahr Austauschschüler in den USA und kam als singender Schlagzeuger wieder. Ich wollte dringend eine Acid-Jazz- oder Crossover-Band à la Red Hot Chilli Peppers gründen, mit einem Rapper. Der Rapper wurde dann Ferris. In dieser Formation haben wir auch auf meinen 18. Geburtstag gespielt. Der Gitarrist und der Bassist haben sich jedoch nicht wirklich verstanden und die Band ist auseinander gebrochen. Dann hat Ferris gesagt: „Komm doch mal mit zu meinem DJ!“, so haben wir die ersten Rap-Sachen im Herbst 1993 aufgenommen.

Hast du noch Kontakt zu Ferris?01 Immo

FlowinImmO: Nein. Damals hatten wir vier Jahre lang intensiv miteinander zu tun. Die darauf folgenden 17 Jahre allerdings nicht mehr.

Welche Bedeutung hat Hip-Hop für dich heutzutage?

FlowinImmO: Der Gedanke „each one teach one ist bei mir übrig geblieben. Ich gebe ja selbst Rap-Workshops, in denen ich anderen dabei helfe, ihren Mund zu öffnen und selber Worte zu finden. Auch den Do-It-Yourself-Gedanken lebe ich aus, auch wenn meine Musik anders klingt. Diesbezüglich waren sich zu einer gewissen Zeit Punk und Hip-Hop ziemlich ähnlich: Es ging darum, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Das hat für mich immer noch eine starke Bedeutung.

Du bist ja auch Mitglied der Formation FIRST, neben dir sind auch noch Rene und Spax mit von der Partie. Was hat es damit auf sich?

FlowinImmO: Ein Freund von mir aus Berlin hatte die Idee, etwas mit einer Band und uns drei Freestylern auf die Beine zu stellen. Das haben wir 2011 gemacht, 2012 ein paar Gigs gespielt, danach ist allerdings erstmal nichts mehr passiert. Dann kam 2013 die Idee zu dritt ins Studio zu gehen und gemeinsam etwas zu schreiben statt live zu freestylen. Und das hat sich gut angefühlt. Das haben wir ein paar Mal gemacht. Davon ist ja auch eine 7“ erschienen, aber das Projekt liegt erst Mal wieder auf Eis und wir machen unsere eigenen Sachen.

Welche aktuellen Rapper hörst du heutzutage?

FlowinImmO: Ich höre mir alles mögliche mal an, was so in den einschlägigen Blogs auftaucht, aber dann wende ich mich auch schon wieder den eigenen Produktionen zu. Daher habe ich keine Rapper auf Rotation. Mir geht es so: Wenn man selbst Musik macht, dann hört man viel sein eigenes Zeug oder geniesst die Stille um sich herum, damit dann wieder neue Musik im Kopf entsteht.

Was liegt als nächstes bei dir an?

FlowinImmO: Zur Zeit (Juli 2014) bin in Jena im Studio und arbeite mit Metaboman vom Krause-Duo an der Fertigstellung unseres ersten Albums mit dem Projekt 100:0. Das sind elektronische Klangwelten mit Rap, unterschiedliche Tempi, doper Sound, kein herrkömmlicher, leicht verdaulicher „Technorap“, sondern deepe, abgefahrene Mukke. Im Oktober/ November geht es wieder mit Band auf Tour, und ich hoffe alle Menschen, die dieses Interview gelesen haben, dort anzutreffen.

Hier geht es zum Blog von FlowinImmo.

Text: Raffael Siegert / Fotos: Jan Rebuschat

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