Jan Plewka ist Sänger der Band Selig. Jener Band, die Mitte der 90er Jahre mit Liedern wie „Ohne dich“ große Erfolge verbuchte. Neben seiner Tätigkeit als Sänger von Selig hat Jan Plewka diverse Solo-Alben herausgebracht und ist als Interpret von Rio-Reiser-Stücken bekannt. Bereits 2005 startete die „Jan Plewka singt Rio Reiser“-Tour. Seither singt er vor allem in Schauspielhäusern Stücke von Rio Reiser mit voller Bandbesatzung. Am 10. Mai gastierte er zusammen mit Marco Schmedtje im Einbecker Esel. Der erste Auftritt dieser Art. Gemeinsam präsentierten die beiden Musiker ein Potpourri eigener Lieder und Rio Reiser-Songs.

Interview Pfeil Jan, die „Rio Reiser Gastspiel“-Tour startete 2005. Das ist jetzt acht Jahre her, immer noch spielst du Reiser-Stücke. Viele andere deutsche Musiker aus verschiedenen Genres covern ebenfalls gerne Rio Reiser – was zeichnet deines Erachtens den Mythos Rio Reiser aus?

Jan: Rio hatte die wahnsinnig geniale Verbindung zwischen romantischen und politischen Texten, unglaublich tolle Melodien, eine fast naive Utopie, was das Miteinander angeht – alles, was er machte, war sehr authentisch. Ich habe Rio nie kennengelernt. Ich glaube, er war ein sehr geiler Typ.

Interview Pfeil Marco, du bist Mitglied der Ton Steine Scherben Family. Was ist deine Meinung zum Mythos Rio Reiser?

Marco: Ich glaube, dass Ton Steine Scherben etwas Einzigartiges geschaffen haben, da sie sich immer verwehrt haben und independent geblieben sind. Sie haben einfach darauf geschissen, eventuell mehr Geld zu verdienen oder so – die haben aber auch viel gearbeitet, sich allerdings niemals reinquatschen lassen.

Interview Pfeil Rio wurde 1996 auf seinem Privatgrundstück in Fresenhagen begraben. 2011 wurde dann das Haus verkauft und Rios Leichnam nach Berlin übergesiedelt, auch das Kulturzentrum „Rio Reiser Haus“ musste weichen – was sagt ihr dazu?

Jan: Ich hätte es schön gefunden, wenn das Land Schleswig-Holstein daraus ein Museum gemacht hätte. So wie es in Weimar ein Goethe- oder Schillerhaus gibt, das vom Staat gesponsert wird – ebenso hätte man auch Rio Reiser als großen Dichter und Denker würdigen können.

Marco: Rio war in Fresenhagen unter einem Apfelbaum begraben – die ganze Erbgeschichte ist ein kompliziertes Konstrukt. Aber es wäre schon toll gewesen, wenn das Land gesagt hätte: „Wir greifen da ein bisschen unter die Arme.“ Es gab ja auch Bestrebungen in die Richtung.

Interview Pfeil Jan, 2009 kam es zur Wiedervereinigung von Selig, nach zehn Jahren Pause erschien dann das vierte Studio-Album, 2010 das fünfte und in diesem Jahr mit „Magma“ das sechste. Würdest du sagen, Selig ist mit voller Kraft zurück im Geschäft?

Jan: Auf jeden Fall, das sind wir. Wir brauchten zehn Jahre Pause, um uns voneinander zu erholen und sind jetzt wieder voll da.

Interview Pfeil „Magma“ belegte Platz vier der Album-Charts. Wenn man allerdings auf Youtube „Selig“ eingibt, dann wird „Ohne Dich“ als Lied mit den meisten Klicks angezeigt, obwohl das Debütalbum damalsauf Platz 34 war – wurden in den 90er Jahren einfach mehr Platten verkauft? Habt ihr damals mehr verdient?

Jan: Wir haben in den 90ern gut verdient. Damals hat man für jede verkaufte Platte zwei Euro gekriegt oder so. Wenn du jetzt eine goldene Schallplatte bekommst, musst du 100.000 Stück verkaufen, damals waren es 250.000. Heutzutage sind alle am Downloaden; wir verdienen mehr Geld mit Live-Auftritten als mit Plattenverkäufen.

Interview Pfeil Marco, seit 2001 arbeitest du gemeinsam mit Jan Plewka – etwa beim Solo-Album „Zu Hause war ich schon“, oder eben mit den Rio Reiser-Geschichten. Außerdem arbeitest du viel am Theater. Dieses Jahr erschien nun dein erstes Solo-Album „Schöne Geister“. Wie kam es dazu?

Marco: Ich hatte mit Jan ja auch Bands, beispielsweise Zinoba, vorher haben wir zusammen seine Solo-Platte gemacht. Irgendwann wollte ich dann eine eigene Platte machen, mit Bands ist das ja immer komplizierter – zuvor hatte ich auch einige andere Bands. Jetzt wollte ich mein eigenes Tempo bestimmen. Allerdings bin ich alleine sehr langsam. Ich hatte die Platte zwar ziemlich schnell fertig, dann lag sie fünf Jahre herum, bis ich sie herausbrachte. Nun bin ich froh, dass der Schritt vollzogen ist.

Interview Pfeil Jan, neben deiner Tätigkeit als Musiker bist du auch als Schauspieler aktiv – das erste Mal 1989 in „Bumerang-Bu- merang“, das letzte Mal 2009 in Liebeslied. Was erfüllt dich mehr: Musik oder Schauspiel?

Jan: Ich bin ein Musiker mit einer Affinität zur Schauspielerei.

Interview Pfeil Was sind eure größten musikalischen Einflüsse?

Marco: Mich hat das sehr geprägt, was ich früher gehört habe, als ich angefangen habe: Hendrix, Allman Brothers und Ten Years After – das ist geblieben und dann ging es weiter mit anderen Interpreten.

Jan: Ich habe viele musikalische Einflüsse. Es gibt ja auch Stücke, in dem nur eine kleine Sequenz gut ist, auch das beeinflusst einen ja irgendwie. Heute habe ich beispielsweise The Cure und Depeche Mode gehört – das sind auch Einflüsse.

Interview Pfeil Was hältst du von der aktuellen deutschsprachigen Popmusik?

Jan: Es ist wahnsinnig, wie vielseitig das geworden ist – ein riesengroßer bunter Strauß. Als wir damals angefangen haben, haben uns die Journalisten immer gefragt: „Wieso singt ihr denn auf Deutsch und nicht auf Englisch, wie alle anderen auch?“. Jetzt gibt es alles, es ist schön, dass man sich in seiner Muttersprache ausdrücken kann und darf, wie man will.

Interview Pfeil Wie entsteht ein guter Liedtext?

Jan: Ein guter Liedtext muss ehrlich sein, Bilder im Kopf entzünden – ich mag gerne Metaphern und wenn nach mehrmaligem Hören ein Aha-Effekt kommt. Ein guter Liedtext muss wie ein gutes Gedicht sein.

Marco: Das finde ich auch. Ein Text sollte Bestand haben und wasserdicht sein. Ein Lied, das man für sein Kind geschrieben hat – vielleicht ist das jetzt ein blödes Beispiel –, kann ruhig von anderen Leuten anders gelesen werden, indem sie es beispielsweise als Liebeslied wahrnehmen. Jeder sollte sich etwas aus einem Lied herausziehen können.

Interview Pfeil Jan, laut Marek Harloff gibt es ein komplett fertiges Album der Band Tempeau, wird das nochmal erscheinen?

Jan: Glaube ich nicht, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn ja, dann haltet euch fest: Das ist purer Satanismus! Wir haben uns besser getrennt, bevor so was rauskommt.

Interview Pfeil Was liegt als nächstes an?

Jan: Das war unser erster Abend zu zweit. Wir würden das gerne bis zu unserem Lebensende weiter machen. Interview Ende

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