Der Dokumentarfilm „NULLFÜNFer – Mit Kopf, Herz und Seele“ widmet sich der Fanszene des Oberligisten Göttingen 05. Dafür begleitete die Filmemacherin Birgit Ehret über ein Jahr die Fans auf Heim- und Auswärtsspielen, besuchte sie zuhause und unterstützte sie beim Aufbau des Fanraumes.

Als besonderes Merkmal der 05-Fanszene lässt sich hervorheben, dass die durchschnittliche Besucherzahl von 600 Zuschauern bundesweit in den Oberligen ihresgleichen sucht. Etwa 60 Personen zählen zum aktiven Kern der Fanszene, die sich auf mehreren Ebenen engagieren. Die Filmemacherin selbst hatte mit Fußball nichts am Hut, bevor sie das Projekt begonn. Erst als sie ein Bekannter überredete, ihn zu einem Heimspiel in das Jahnstadion zu begleiten, willigte sie ein und war ergriffen – vor allem von der Fanszene. Der Film selbst entstand im Rahmen einer Abschlussarbeit des Studiengangs Kulturanthropologie des Schwerpunktes „Visuelle Anthropologie“ an der Georg-August-Universität. Ihr selbst ging es darum, zu ergründen, weshalb ein Oberliga-Verein identitätsstiftend für eine Fanszene sein kann. Dafür interviewte sie elf Akteure, die jeweils ihre Sicht auf die Dinge schilderten. Den Titel des Filmes hat sie aus dem Refrain des „20 Years Of Hate“-Songs „Für immer“ adaptiert, der den sonntäglichen Stadionbesuch huldigt.Der Film beginnt mit Hardy Grüne, der zurückblickt auf das Jahr 1975, als er als Elfjähriger das erste Mal gemeinsam mit seinem Vater das Jahnstadion besuchte. Er erzählt, dass es damals im Stadion anders ausgesehen habe, Rocker in Lederkluften hätten auf den Zuschauerrängen gestanden. Der retrospektive Blickwinkel der Fanszene auf sich selbst nimmt ein zentrales Element im Film ein, da bestimmte Ereignisse bis heute nachwirken.  Dies wird beispielsweise deutlich, wenn Heino davon erzählt, wie in den 1990er Jahren die rechtsradikale Partei FAP versuchte, auf den Tribünen Fuß zu fassen. Und als damals, als Gegenreaktion darauf, im besetzten Haus der Theaterstraße 9, der Entschluss gefasst wurde dem Spuk entgegen zu wirken. Obgleich es nicht mehr festzumachen sei, wer letztlich die zündende Idee hatte, waren fortan die „Fooligans“ – der Name selbst ist eine Persiflage auf das Wort Hooligans – im Stadion vertreten. Sie hängten Transparente auf, positionierten sich, geißelten Faschismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit. Interessanterweise verhielt es sich so, dass sie schnell Kontakt zu anderen Besuchern fanden und nicht isoliert blieben. Innerhalb eines Austausches wurden die politischen Sichtweisen Stück für Stück geteilt und angenommen. Das damals progressive Handeln der Fooligans bildet ein bis heute identitätsstiftendes Element der Fanszene. Doch innerhalb des Filmes werden auch die Berg- und Talfahrten des Vereins aus der Fan-Perspektive dargestellt. So zum Beispiel die Insolvenz des Vereines im Jahre 2003, auf die die Fans innovativ reagierten. Eigentlich sei die Aktion „Fans ohne Verein“ eher als Witz gemeint gewesen, erklärt eine Akteurin in der Küche sitzend. Da der Verein aus dem Vereinsregister gestrichen wurde und die Fanszene fortan ohne Verein dastand, ließen sie sich gegen Erstattung der Anreisekosten von anderen Vereinen anmieten. Die Aktion selbst schlug recht hohe Wogen, Medien wurden auf dieses Phänomen aufmerksam und berichteten.  Als dann, nach Irrungen und Wirrungen, der Verein, nach der Fusion, unter dem Namen „RSV 05“ im gewissen Sinne wiederbelebt wurde, um fortan an der „Benze“ – dem Stadion in der Benzstraße – zu spielen, kommen auch Fans zu Wort, die das kleinere Stadion als Familienidyll für sich entdeckt haben. Der Familienvater Dirk spricht von einem besonderen Vater-Tochter-Tag, der sonntags an der Benze statt fand. Und als es in der Saison 2011/ 2012 mit dem Aufstieg in die Oberliga wieder zurück in das Jahnstadion ging und der Fanraum am Platz der Synagoge errichtet wurde, begann ein neues Kapitel der Fanszene. Die Filmemacherin ist direkt vor Ort und begleitet die Akteure bei der Errichtung des Raumes. Die Szenen sprechen für sich. Das Engagement der Fanszene wird ebenso durch die vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten deutlich: Ob nun das „Benzstreet TV“, das von dem Studenten Erik initiiert wird, der fast jedes Spiel filmt, die Erstellung einer Stadionzeitschrift oder die Kampagne „Glotze aus, Stadion an“, die im überregionalen Rahmen von sich reden machte. Doch die Filmemacherin beleuchtet alle Facetten der Fanszene, dabei schließt sie auch nicht die Schlagworte Ultras und den Umgang mit Pyrotechnik aus, indem sie die Fangruppe Rasensportguerilla zu Wort kommen lässt. Die besagte Gruppe, deren Sticker das gesamte Stadtbild Göttingens prägen, offenbart während des Interviews nicht ihre Gesichter. Sie sitzen mit dem Rücken zur Kamera und erklären ihre Sicht auf die Dinge. Unterm Strich, lässt sich festhalten, dass der Film das Phänomen des Fankultes um eine Oberliga-Mannschaft verständlicher und greifbarer macht. Der Film richtet sich sowohl an Fußballexperten als auch an Fußball-Laien. In beiden Fällen ist er sehenswert. Im Übrigen wurde der Film bei dem internationalen Fußballfilm Festival „11mm“ in Berlin und beim „Kicking + Screening Soccer Film“-Festival in New York eingereicht.

Film: Nullfünfer – mit Kopf, Herz und Seele

Regisseurin: Birgit Ehret

Uraufführung:21.03.2014

Zeit: 19.05 Uhr

Ort: Fanraum, Göttingen

Zusatztermine: Am 22.03.2014 wird der Film gleich zwei Mal gezeigt: um 13.05 Uhr und 15.05 Uhr

Kartenvorverkauf: Ab dem 1. März in der Sonderbar 

Weitere Infos: http://nullfuenfer.wordpress.com/

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