Ein Stummfilm steht der uns heute bekannten Unterhaltung in rein gar nichts nach. Ein Stummfilm strapaziert ebenso die Lachmuskeln, rührt zu Tränen und lässt das Herz schneller schlagen, wie ein moderner Tonfilm das auszulösen vermag. Die Filme in der stummen Ära sind nicht schlechter, sie sind das Fundament und waren Wegweiser heutiger Filmkunst. Und selbstverständlich sind sie alles andere als stumm! Klavierbegleitung ist bestens geeignet, um alle Arten von Stimmungen zu erschaffen und zu transportieren. Beim 8. Göttinger Stummfilmfestival gab es auch solche Klavierbegleitung. Sie wurde bei den Vorstellungen im Lumière von Wolfgang Zettl geliefert. Eine wundervolle Atmosphäre weiß er zu schaffen, wenn er den filmischen Inhalt bei Kerzenschein auf die Tasten bringt. Bei der Aufführung im Deutschen Theater übernahm Stephan Graf von Bothmer das Stummfilm-Konzert. Für die Zuhörer ein gewaltiges, faszinierendes Erlebnis.

Die Filmauswahl beim diesjährigen Festival bediente ein breites Spektrum. Ein ausgewogenes Programm wurde geboten, von Tragik über Abenteuer bis hin zu – natürlich – wundervoller Komik.

Erster Abend: Zwischen Geschichte und Comedy-Konkurrenz

Die erste Vorstellung zeigte „Brüder“ von Regisseur Werner Hochbaum. Der Film von 1929 betrachtet den Hafenarbeiterstreik aus dem Jahre 1897. Die überaus authentischen Bilder sind besonders für historisch Interessierte von Wert. Für die Streikszenen wurden waschechte Hafenarbeiter engagiert. Der Plot handelt von einer ungünstigen familiären Verflechtung: Der eine Bruder ist ein Hafenarbeiter, lebt mit seiner kranken Frau, seiner kleinen Tochter und der alten Mutter in einer schäbigen zwei-Zimmer-Wohnung und muss in Schichten schuften, die ihn beim kargen Abendessen trotz Bärenhunger einschlummern lassen. Dieser Arbeiter begegnet seinem Bruder, der Polizist ist und damit auf Seiten der Herrschenden steht, mit abgrundtiefer Verachtung. Er will ihm nicht einmal die Hand schütteln, als der eines Abends vorbeikommt. Der Grund des Besuchs: ein Umstimmungsversuch. Ob des lächerlich geringen Lohns und der unmenschlichen Arbeitszeiten wird der Groll der Arbeiterschaft nämlich immer größer. In einer Vollversammlung beschließen sie zu streiken und der Arbeiterbruder ist ganz vorne mit dabei. Es kommt zu Ausschreitungen und Brutalität zwischen Ordnungshütern und Streikenden. Und das im bitterkalten Winter. Der Arbeiter wird schließlich festgenommen, doch der Bruder lässt ihn in einer gütigen Anwandlung laufen. Erneut wird er festgenommen und dieses Mal bleibt er in der Zelle. Was kann er auch tun? Für die Arbeiter gibt es wenig Hoffnung. Mit einem beklemmenden Gefühl wurde der Zuschauer zurückgelassen, als das Licht wieder anging, Pianist Wolfgang Zettl sich verbeugte, und man in der Gegenwart ankam.

Ganz und gar nicht beklemmend war der beliebte „Silent Movie Slam“ im Anschluss, der das Lumière überfüllte. Vier Kurzfilme wurden vorgeführt, allesamt aus den USA der 20er Jahre und aus der Produktion des Hal Roach Studios. Nummer eins stammt von Titelverteidiger Harold Lloyd, der 2012 ganz informell vom Stummfilmpublikum zum „King of Comedy“ gekrönt wurde. In der diesjährigen Vorstellung „An Eastern Westerner“ ist Harold ein gar verwöhnter Sohn, dessen reicher Vater ihn in den rückständigen wilden Westen schickt. Dort verliebt sich der Jungspund in eine hübsche junge Dame. Während Lloyd seine Herzensdame zu gewinnen versucht, muss er allerhand Widrigkeiten überstehen, die mit hervorragendem Slapstick und großer Schauspielkunst inszeniert sind.

Der zweite Film ist nicht weniger lustig und spielt im Hause einer gutbürgerlichen Familie. Hauptdarsteller Max Davidson, ein deutsch-jüdischer Emigrant, der es damals nach Hollywood geschafft hat, spielt einen Familienvater, dessen Tochter ihren neuen „Boy Friend“ vorstellt. Die besorgten Eltern sind gar nicht damit einverstanden ihr Kind bereits herum turteln zu sehen und beschließen kurzerhand, den Jungen zu vertreiben. Sie wollen ihn glauben machen, sie seien rettungslos bekloppt. Ehe es sich der Junge versieht, wird das Date zu einem Fiasko. Seine Angebetete wird von den Eltern weggelockt und schon sieht er sich Grimassen schneidenden Irren gegenüber. Insbesondere Max Davidsons Gesichtskino, diese entgleiste Mimik, löst Lachanfälle aus.

Im dritten Film sehen wir Schauspielerin Marion Byron, die zuvor die verknallte Tochter spielte, erneut. Sie war nämlich Teil des ersten weiblichen Komiker-Duos der amerikanischen Filmgeschichte. Gemeinsam mit Anita Garvin stand sie für drei Episoden einer Serie à la Laurel und Hardy vor der Kamera. Das Publikum durfte „A Pair of Tights“, also „Geizkräge“, genießen. Anita und Marion sind arm und hungrig und erhoffen sich von einem Date mit zwei Verehrern ein gutes, füllendes Abendessen. Dumm nur, dass die vermeintlichen Gentlemen selbst knapp bei Kasse sind und sich allerhöchstens ein Eis leisten wollen. Doch kaum hat die kleine (wirklich kleine!) Marion ein frisches Eis gekauft, passiert jedes Mal irgendein Missgeschick und das Dessert landet auf dem Boden oder auf dem Kopf des einen „Kavaliers“. Schließlich führt das alles zu einer großen Frustration und wer wissen möchte, weshalb sämtliche Protagonisten und Statisten am Ende des Filmchens auf ihrem Hosenboden landen, der möge die DVD gucken.

Der letzte Film des Abends ist wahrlich die Krönung. Der Originaltitel dieser Serie lautet „Our Gang“  und handelt von Kindern die allerhand Schabernack treiben. In dieser Episode, „Rainy Days“ müssen die Lausbuben und -mädchen im Haus wegen miesen Wetters bleiben. Als die Mutter von einigen der jungen Protagonisten für kurze Zeit das Haus verlässt, beginnt ein tapezierendes Treiben, das so eklatant über die Stränge schlägt, dass unser diesjähriger „King of Comedy“ die Kleinen Strolche geworden sind.

Abend zwei: Ein Amok laufender Golem und spannender Slapstick mit Chaplin

Der zweite Tag des Stummfilmfests wird mit „Der Golem, wie er in die Welt kam“, eingeläutet, ein berühmter Stummfilm aus dem Jahre 1920 unter der Regie von Paul Wegener. Er spielt im Prag des 16. Jahrhunderts. Rabbi Löw spürt großes Unheil, das über die Juden kommen wird und fertigt nach einem Mythos einen Mann aus Ton, nämlich einen Golem an. Dem klebt er den fünfzackigen Stern auf die Brust und erweckt ihn so zum Leben. Rabbi Löw erfährt, dass der Kaiser alle Juden der Stadt verweisen will und bittet um Audienz, zu der er den Golem mitnimmt. Als der Palast unter magischen Umständen zusammenbricht, rettet der Golem dem Kaiser das Leben und erwirkt so die Aufhebung der Verbannung. Der Golem soll nach getaner Arbeit deaktiviert werden, doch aufgrund menschlicher Laster wird die Kreatur zum Mörder. Ein kleines Mädchen schafft es durch Arglosigkeit, dem Tongeist den Stern wieder abzunehmen, was ihn lahmlegt.

Im Anschluss gab es wieder was für die Lachmuskeln: Charlie Chaplin himself beglückte all jene, die der Konkurrenz der Champions League nicht verfielen. „Goldrausch“ heißt der Streifen, der gezeigt wurde und dessen Begleitmusik von Chaplin persönlich in Nachhinein geschrieben wurde. 96 Minuten herrlicher Slapstick und Tragik, wobei sich beide Dimensionen gegenseitig bedingen. Charlie will es als Goldgräber versuchen. Nach einem Abenteuer, das einen bösartigen Gangster, einen heißhungrigen, aber friedlichen Goldsucher und eine klitzekleine Holzhütte am Abgrund eines Berges involviert, verschlägt es Charlie in die Stadt, wo er sich prompt verliebt. Haben kann er das Mädel nicht, er ist zu arm. Nach einigen Enttäuschungen gelingt es Charlie aber trotzdem, wenigstens die Aufmerksamkeit seiner Angebeteten zu erlangen und gesteht ihr seine Liebe. Just in dem Moment ergibt sich die Möglichkeit, ein Millionär zu werden, wenn er dabei hilft, eine Goldmine zu suchen. Charlie begibt sich auf die Suche, findet, wird Millionär und von der Presse geliebt. Die wünscht sich eine Story über ihn nach dem Motto „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ und bringt Charlie dazu, sich wieder in seine alte verschlissene Kluft zu werfen. Genau in dieser Aufmachung trifft er auf eben diesem Schiff seine Angebetete, die sich aufgemacht hat in ein besseres Leben. Im Glauben, er sei ein blinder Passagier bemüht sich das Mädchen um ihn und beweist ihre Zuneigung. Als sie auch noch herausfindet, dass Charlie längst ein Millionär ist, ist die Freude natürlich noch größer. Wundervoll!

Dritter Tag: Revolte auf Russisch

Sonntags endet das Festival im Deutschen Theater mit „Panzerkreuzer Potemkin“. Regie führte Sergej M. Eisenstein. Es handelt sich um einen Jubiläumsfilm, einen, der an den Aufstand aus dem Jahre 1905 erinnern und die Revolution gegen das Zarenreich im Gedächtnis erhalten soll. Der Film behandelt nicht nur die Revolution, er gilt auch in künstlerischer Hinsicht als revolutionär, als stilerweiternd, als Vorbild für alle Stummfilme, die folgten, als Inspiration für Filmschaffende. Als die Matrosen des Panzerkreuzers völlig vergammeltes Fleisch vor die Nase gesetzt bekommen, schwört das langsam eine Meuterei herauf. Der Streikführer wird von einem Offizier ermordet und als die Matrosen siegreich das Schiff an sich genommen haben, laden sie die Leiche ihres ersten Opfers trauernd am Ufer in Odessa ab. Die Bevölkerung ist auf ihrer Seite und ruft zum Aufstand gegen die Obrigkeit auf. Da rücken Kosaken und die Polizei an. Was folgt ist die populäre Szene der Treppe von Odessa, in der die Hüter des Gesetzes die Aufständischen ohne Unterlass abmetzeln, vor nichts halt machen, nicht vor Kindern, nicht vor Babys, was auch den Groll des Zuschauers gegen die Aristokratie ob der Ohnmacht des Volkes schürt. Das Spektakel auf See und an Land ist wahrlich außergewöhnliches Filmerlebnis.

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